Von Berlin nach Guben: Probewohnen wird zum Dauerzustand
Von Berlin nach Guben: Probewohnen wird zum Dauerzustand

Anika Franze, gebürtige Berlinerin, wagte vor zwei Jahren das Experiment Kleinstadt. Als erste Teilnehmerin des Projekts „Probewohnen“ in Guben entschied sie sich dauerhaft für ein Leben in der Niederlausitz. „Ich war wirklich fertig mit Berlin und habe die Entscheidung keinen einzigen Tag bereut“, sagt die 39-Jährige. Die Stadt mit rund 16.000 Einwohnern bietet ihr, was die Hauptstadt nicht mehr konnte: Ruhe, bezahlbaren Wohnraum und ein entschleunigtes Leben.

Probewohnen als Instrument gegen Bevölkerungsschwund

Viele Kommunen in Brandenburg kämpfen gegen Bevölkerungsschwund und Wohnungsleerstand. Das Probewohnen hat sich als ein Mittel etabliert. Die Idee: Menschen können für einige Wochen oder Monate auf Probe in der Stadt wohnen, an Veranstaltungen teilnehmen oder Praktika absolvieren. Vorreiter ist Görlitz, das das Probewohnen bereits 2008 anbot. Robert Knippschild vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) untersucht das Projekt wissenschaftlich. „Damals ging es zunächst darum, Menschen aus den Außenbezirken in die Innenstadt zu holen“, erklärt er. Später öffnete man das Angebot für auswärtige Interessierte.

Die meisten Probewohner kommen aus Großstädten. Sie suchen günstigeren Wohnraum, mehr Platz, weniger Stress und mehr Lebensqualität. Besonders häufig sind Menschen in Umbruchphasen: Familien mit mehr Raumbedarf oder Personen um die 50, deren Kinder ausziehen. „Scheidung und Trennung spielen durchaus häufig eine Rolle“, so Knippschild.

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Vom Badesee-Gefühl zur 100-Quadratmeter-Wohnung

Den entscheidenden Moment erlebte Franze nicht bei offiziellen Aktivitäten, sondern an einem Badesee. „Ich habe gemerkt, dass sich in mir gar nicht eine Entscheidung eingestellt hat, sondern eher so ein Gefühl. Und das hat gesagt, ich will hier, glaube ich, erst mal gar nicht mehr weg“, erinnert sie sich. Heute lebt sie in einer rund 100 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnung – die Warmmiete liegt unter 700 Euro. „Ich habe zwölf Wohnungen besichtigt, ganz allein, ohne andere Mitbewerber“, erzählt sie. Die Verkehrssituation ist entspannter: „Parkplatzsuche, da denke ich gar nicht mehr drüber nach.“

Vor allem schätzt sie die Ruhe. „Wenn ich im Sommer mit offenem Fenster die Zähne putze, habe ich das Gefühl, meine Zahnbürste ist lauter als draußen“, sagt sie. In wenigen Minuten ist sie in Wiesen und Feldern, beim Joggen begegnet sie kaum jemandem. Auch beruflich bietet Guben Freiräume: Die gelernte Erzieherin arbeitet für den Verein Gesundheitscampus in der Lausitz, der junge Menschen auf dem Weg ins Medizinstudium unterstützt. „Vier von fünf Abiturienten verlassen die Region. Und die Lausitz steht vor dem Riesenproblem der ärztlichen Versorgung“, so Franze. Zudem ist sie im Marketing für eine Wohnungsbaugesellschaft tätig.

Grenzen des Konzepts und eigentlicher Gewinn

Dass das Probewohnen Menschen dauerhaft zum Umzug bewegt, ist nur ein Teil der Geschichte. „Die Schrumpfung wird man wahrscheinlich nicht aufhalten können“, räumt Franze ein. Robert Knippschild ergänzt: „In Görlitz stehen 5.000 Wohnungen leer, so viel Probewohnen können sie ja gar nicht machen, dass sie da irgendwie diese Leerstände signifikant auffüllen.“ Für ihn liegt der eigentliche Wert woanders: Städte mit Bevölkerungsverlusten könnten ihre demografische Entwicklung langfristig nur durch Zuzug stabilisieren. Das Probewohnen helfe herauszufinden, wer Interesse hat, welche Erwartungen bestehen und was vor Ort positiv oder negativ erlebt wird.

Franze sieht den Erfolg nicht allein in Umzügen nach dem Probewohnen. Der größte Effekt sei die Aufmerksamkeit. „Menschen sind hergezogen, weil sie Berichte über Guben gesehen haben“, erzählt sie. Das habe das Image der Stadt nach außen und innen verändert. Viele Einwohner hätten wieder wahrgenommen, welche Qualitäten ihre Heimat hat. Bürgermeister Fred Mahro (CDU) betont: „Für uns in Guben ist das Probewohnen ein starkes Marketinginstrument, das die Region und den Strukturwandel in der Lausitz sichtbar macht.“ Die Teilnehmer spiegelten Stärken und Herausforderungen wider und lieferten Hinweise für die Gewinnung neuer Einwohner.

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205 Bewerbungen und zehn zusätzliche Mietverträge

In Guben stößt das Angebot auf großes Interesse. Laut Bürgermeister gab es insgesamt 205 Bewerbungen, davon allein 120 in diesem Jahr. 32 Familien und Einzelpersonen lebten probeweise in Guben. Davon zogen drei Familien und zwei Einzelpersonen anschließend in die Stadt. Durch die Berichterstattung seien weitere Menschen zugezogen. „Von mindestens zehn zusätzlichen geschlossenen Mietverträgen wissen wir“, sagt Mahro. Bei Anika Franze sind aus vier Wochen schon zwei Jahre geworden, und es könnten noch viele weitere werden. An einen Umzug denkt sie nicht.