150 Jahre Bayreuther Festspiele: Darf man Wagner heute noch hören?
150 Jahre Bayreuther Festspiele: Darf man Wagner hören?

Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum, doch die dunklen Kapitel der Vergangenheit werfen einen bleibenden Schatten auf das Ereignis. Richard Wagner, der Komponist, äußerte sich wiederholt antisemitisch, und Adolf Hitler war ein enger Freund der Familie Wagner und regelmäßiger Gast auf dem Grünen Hügel. Diese Verstrickungen werfen die Frage auf: Darf man heute noch unbedarft Wagner hören und ein Festspieljubiläum feiern?

Michel Friedmans Rede: Ein umstrittener Höhepunkt

Mit Spannung wird die Rede des jüdischen Publizisten Michel Friedman am 26. Juli im Festspielhaus erwartet. Ursprünglich war die Veranstaltung wegen Sicherheitsbedenken abgesagt worden, was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Festivalchefin Katharina Wagner entschuldigte sich daraufhin bei Friedman. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte Friedman: „Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert. Wagner streute das Gift, in den Dreißigerjahren brachte man es in Bayreuth noch tiefer in den Boden ein, und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist hier nichts aufgeräumt worden.“

Versäumnisse bei der Aufarbeitung

Der Autor Bernd Buchner, der das Buch „Wagners Welttheater“ veröffentlicht hat, kritisiert die mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Festspielleitung. „Den Anspruch, die Vergangenheit aufzuarbeiten, hat Katharina Wagner selbst nicht eingelöst. Die Aufarbeitung der Vergangenheit begann in Bayreuth ohnehin sehr spät, also viel später als in anderen bundesrepublikanischen Bereichen“, so Buchner. Er betont, dass die Vergangenheit sehr lange verdrängt wurde und die entscheidenden Impulse eher aus der Wissenschaft kamen. „Es war seitens der Festspiele immer eine gewisse Passivität oder ein gewisses Unvermögen, das an Fahrlässigkeit grenzt, spürbar, mit der Vergangenheit vernünftig umzugehen“, ergänzt er.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Vom NS-Zentrum zum Vorzeigekulturbetrieb

Wie gelang es, dass Bayreuth nach dem Krieg zu einem bundesrepublikanischen Vorzeigekulturbetrieb mit internationaler Strahlkraft wurde? Der erste Bundespräsident Theodor Heuss und der erste Kanzler Konrad Adenauer verweigerten sich Bayreuth aus politischen Gründen, so Buchner. Doch Bayreuth sei ein Spiegel der deutschen Geschichte: Die Verdrängung der Adenauer-Ära habe auch hier stattgefunden. „Man hat sich mit der Vergangenheit überhaupt nicht auseinandergesetzt, sondern hat quasi analog zum bundesdeutschen Wirtschaftswunder ein Kunstwunder vollbracht, indem Wieland Wagner die Wagner-Opern neu erfunden hat.“

Prominente Gäste wie der heutige britische König Charles, das schwedische Königspaar und Michail Gorbatschow trugen zum Ansehen bei. Seit Angela Merkel, eine bekennende Wagnerianerin, Kanzlerin wurde, ist der Festspielauftakt am 25. Juli ein Pflichttermin für die Spitzenpolitik.

Aufarbeitung auf der Bühne

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet auch auf der Bühne statt. Katharina Wagner thematisierte die dunkle Geschichte in ihrer Debüt-Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Barrie Kosky ließ für das Bühnenbild derselben Oper den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse nachbauen, und Stefan Herheims „Parsifal“ gilt als Maßstab für die glasklare Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Muss man die Vergangenheit stets mitdenken?

Bernd Buchner betont, dass es keinen Zwang gebe, etwas zu wissen, und man dies auch nicht aufnötigen sollte. „Je weiter ein aufgeklärtes historisches Bewusstsein im Publikum verbreitet ist, desto aufnahmebereiter ist man natürlich für Inszenierungen, die auch kritisch sind und sich auch kritisch mit der eigenen Bayreuther Geschichte auseinandersetzen.“ Er weist darauf hin, dass die Verstrickung der Wagners und Bayreuths in den Aufstieg des Nationalsozialismus bereits 1923 begann, nicht erst 1933, und die Verdrängungskultur der 1950er Jahre ein zweites Problem darstellt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Wagners Opern überdauern

Vladimir Jurowski, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wagners Opern haben das NS-Regime und das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. Etwas Schlimmeres für die Wagner-Rezeption als Hitlers persönliche Sympathie für Wagner und seine persönliche Vorliebe für seine Werke hätte es wohl nicht geben können. Und doch ist Hitler lange tot, das NS-Regime - Gott sei Dank - längst Geschichte, und Wagners Opern werden fast überall in der Welt nach wie vor gespielt.“

Die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ auf dem Gelände erinnert an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende der Festspiele. Die Vergangenheit ruht nicht am Grünen Hügel, und das Ringen um eine angemessene Gedenkveranstaltung zeigt, dass die Schatten der Geschichte nicht einfach zu vertreiben sind.