Podiumsdiskussion: 850.000 Berliner können nicht wählen – „Erstaunlicher Zustand“
Berlin. Eine Veranstaltung lenkt den Blick auf 850.000 Berliner mit geringer politischer Stimme: diejenigen, die nicht wählen dürfen. Von Hans Cord Hartmann, Redakteur, 17.06.2026, 12:07 Uhr.
„Ein Gespräch zwischen Fremden zu beginnen ist schwer, und es zu beenden auch“, bemerkte Ivan Gabor, nachdem er das Publikum einer Podiumsdiskussion gebeten hatte, sich mit jemandem bekannt zu machen, den sie noch nicht getroffen hatten. Zögerlich begannen die Teilnehmer zu reden – und wollten dann nicht mehr aufhören.
Gabor ist einer der Gründer von WahlheYmat, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für eine inklusive Gesellschaft einsetzt. Er glaubt, dass die Gesellschaft in den kommenden Jahren einen Wendepunkt erreichen wird. Seine Überzeugung: „Die Zukunft ist inklusiv, gemeinschaftlich und international.“
Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses teilen ihre Geschichten
Etwa 1,2 Millionen Menschen, die in Berlin leben, sind aus anderen Ländern zugezogen, erinnerte Gabor das Publikum. Darunter sind Schutzsuchende, aber auch viele hochqualifizierte Unternehmer, die wegen der Arbeit kamen. Die entscheidende Frage sei: Wie bringen wir diese Menschen in das soziale und politische Leben der Stadt?
Es sei ein ernstes Problem der demokratischen Legitimität, dass rund 850.000 Menschen in Berlin – etwa ein Viertel der Bevölkerung – wahlberechtigt sind, aber nicht wählen dürfen. Aus Sicht der Demokratieethik sei dies ein „erstaunlicher Zustand“, ergänzte Christophe Knoch, Vorstandsmitglied der Stiftung Zukunft, die die Podiumsdiskussion gemeinsam mit WahlheYmat organisierte. Auf dem Podium saßen Ülker Radziwill (SPD), Aldona Niemczyk (CDU) und Tuba Bozkurt (Grüne), alle aktuelle Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses. Dazu kam Pilar Caballero Alvarez (Die Linke), eine junge Politikerin, die in das Berliner Landesparlament einziehen möchte. Vier Frauen. Alle mit Migrationshintergrund. Am Ende waren es ihre Geschichten, die am meisten in Erinnerung blieben.
Das Beste aus den Kulturen nehmen
Unter ihnen war die SPD-Politikerin Radziwill, die im November 1973 nach Berlin kam und es als ihr „großes Glück“ bezeichnet, in eine „große sozialdemokratische Familie“ hineingeboren worden zu sein. Ihre Eltern waren Mitglieder der sozialdemokratischen CHP in der Türkei und gründeten früh einen türkischen sozialdemokratischen Verein in Berlin. Diese Strukturen halfen ihr, sich in Berlin einzuleben, auch wenn der Prozess nicht immer einfach war.
Sie beantragte 1994 die deutsche Staatsbürgerschaft. Obwohl ihr Pass schnell zur Abholung bereit war, holte sie ihn erst zwei Monate später ab. Bin ich wirklich deutsch? Zunächst haderte sie mit diesem Gedanken, teilweise wegen eigener Erfahrungen, aber auch wegen der historischen Schuld der NS-Zeit. Am 10. Juni 2026 fand ein WahlheYmat Talk in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin-Kreuzberg statt. © FUNKE Foto Services | Sergej Glanze. Schließlich holte sie ihren Pass ab. Sie war viele Jahre mit einem deutschen Protestanten verheiratet, der inzwischen verstorben ist. Rückblickend sagt sie, es funktioniere ganz gut, sich, wie der deutsche Ausdruck sagt, „die Rosinen“ aus den Kulturen herauszupicken. Sie empfiehlt dem Publikum, es auch zu versuchen. In Berlin, sagt sie, funktioniere das gut.
Dann war da die CDU-Politikerin Aldona Niemczyk, die im Alter von 18 Jahren als Spätaussiedlerin aus Kattowitz, Polen, nach Deutschland kam. Mit zwölf Jahren erlebte sie die Verhängung des Kriegsrechts und die plötzliche Verhaftung ihres Vaters. Heute, sagt sie, sei sie für die grundlegendsten Dinge dankbar.
Die Linken-Politikerin Alvarez, die in Berlin als Tochter spanischer Eltern geboren wurde, fühlte sich von Anfang an „relativ deutsch“, war aber als kleines Mädchen froh, dass sie mit ihrer Mutter in der U-Bahn „in einer Geheimsprache“ sprechen konnte.
„Das Gefühl, deutsch zu sein, kam sehr spät“
Da war auch die Grünen-Politikerin Bozkurt, deren Großvater als Gastarbeiter nach Deutschland kam. Mit sieben Jahren beschloss sie, dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen und ein Kopftuch zu tragen. Sie sagt, dies habe ihren Bildungsweg „stark geprägt“. Obwohl sie vor der Einschulung lesen und schreiben gelernt hatte, wurde sie in eine Förderklasse eingestuft. Sie erlebte auch viel Gewalt, auch von Lehrern. Diese Erinnerungen kamen erst wieder hoch, als sie begann, sich politisch mit Diskriminierung auseinanderzusetzen. Jahrelang hatte sie diese Erfahrungen verdrängt. Sie wuchs mit dem Gefühl auf, dass es als muslimisches Kind normal sei, anders behandelt zu werden. In der weiterführenden Schule, sie glaubt, es war in der fünften oder sechsten Klasse, wurden die Schüler in einer Übung gebeten, aufzuschreiben, welche Barrieren sie im Leben zurückhielten. Sie schrieb: „das Kopftuch.“
Als Kind hatte sie verinnerlicht, dass sie das Problem sei, nicht die Gesellschaft, die ihr Hindernisse in den Weg stellte. Heute sagt Bozkurt, die kein Kopftuch mehr trägt: „Das Gefühl, deutsch zu sein, kam sehr spät.“
Radziwill, Niemczyk, Alvarez, Bozkurt. Alle vier Frauen waren sich einig, dass die Politik solche Geschichten braucht. Aus diesem Grund sei es nicht nur ein Problem, dass etwa ein Viertel der in Berlin lebenden Menschen kein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Politik hat, die die Stadt regiert. Es sei ebenso ein Problem, dass zu wenige Menschen mit ähnlichem Hintergrund in den politischen Parteien selbst aktiv seien. Die Sozialdemokratin Radziwill, die das Berliner Abgeordnetenhaus nach mehr als zwei Jahrzehnten am Ende dieser Legislaturperiode verlassen wird, ermutigte jüngere Menschen, diesen Schritt ebenfalls zu wagen. Sicherlich, sagte sie, könne das Leben in einer politischen Partei manchmal sehr anstrengend sein. Aber man erhalte auch viel Unterstützung, bekomme Zugang zu neuen Netzwerken und lerne viel über Deutschland. „Ich kann es nur jedem empfehlen.“
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