Seit 18 Jahren steht Werner Niehle morgens um kurz nach sieben Uhr an einer Schule in Dresden und regelt den Verkehr. Der 93-Jährige ist Schulweghelfer aus Leidenschaft. „Einmal ist mir eine Kelle abgebrochen, als ich zu heftig gewinkt habe“, erzählt er schmunzelnd. Der gebürtige Dresdner hat schon so manche Anekdote erlebt: Autofahrer, die ihn übersehen, oder Kinder, die ihm vertrauensvoll die Hand geben. Seine Arbeit beginnt früh, und er lässt sich nur in den Schulferien vertreten. Dann nutzt er die Zeit für Reisen, doch die Vorfreude auf die nächste Schicht ist stets groß. Niehle ist ein Vorbild für Engagement und zeigt, dass Alter keine Rolle spielt, wenn man Verantwortung übernehmen möchte. Die Schüler schätzen seine freundliche Art, und die Eltern sind dankbar für die Sicherheit, die er auf dem Schulweg gewährleistet. Der SPIEGEL hat ihn getroffen und über seinen Alltag als ältester Schulweghelfer der Stadt gesprochen.
Ein Leben für die Sicherheit der Kinder
Werner Niehle ist ein Mann der Tat. Jeden Morgen, egal ob Regen oder Sonnenschein, steht er an der Kreuzung vor der Grundschule und sorgt dafür, dass die Kinder sicher die Straße überqueren können. Mit seiner roten Weste und der Kelle in der Hand ist er nicht zu übersehen. „Die Kinder winken mir immer zu, das gibt mir Kraft“, sagt er. Sein Einsatz ist nicht nur ein Dienst an der Gemeinschaft, sondern auch ein Stück Lebensfreude. Die Arbeit halte ihn fit und gebe ihm Struktur. „Ich könnte nicht einfach zu Hause sitzen“, erklärt er. Seine Familie unterstützt ihn, und die Stadt Dresden würdigt sein Engagement mit einer kleinen Aufwandsentschädigung. Doch für ihn zählt vor allem der Dank der Menschen. „Wenn mich Eltern anlächeln oder Kinder ‚Tschüss, Herr Niehle‘ rufen, ist das der schönste Lohn.“
Herausforderungen im Alltag
Der Job als Schulweghelfer ist nicht immer einfach. Niehle berichtet von Autofahrern, die zu schnell unterwegs sind oder die Kelle ignorieren. „Manchmal muss ich laut rufen, aber das bin ich gewohnt“, sagt er lachend. Einmal sei ihm die Kelle abgebrochen, weil er so energisch gewunken habe. „Das war mir ein bisschen peinlich, aber zum Glück hatte ich eine Ersatzkelle dabei.“ Auch das Wetter macht ihm zu schaffen. Im Winter friert er oft, aber das hält ihn nicht ab. Er trägt dann eine dicke Jacke und Handschuhe. „Solange ich gesund bin, mache ich weiter“, betont er. Die Schule und die Stadtverwaltung haben ihn bereits mehrfach ausgezeichnet, und er ist stolz darauf, Teil des Schullebens zu sein.
Ein Vorbild für Jung und Alt
Werner Niehle beweist, dass man auch mit 93 Jahren noch aktiv und wichtig für die Gesellschaft sein kann. Sein ehrenamtliches Engagement ist ein leuchtendes Beispiel für viele. „Ich möchte den Kindern zeigen, dass man sich füreinander einsetzen sollte“, sagt er. In einer Zeit, in der viele über den Mangel an Gemeinschaftssinn klagen, zeigt Niehle, dass es anders geht. Er ist nicht nur ein Verkehrshelfer, sondern auch ein vertrautes Gesicht im Viertel. Die Anwohner grüßen ihn, und er kennt viele Familien persönlich. „Das ist wie eine große Familie“, schwärmt er. Sein Einsatz ist unbezahlbar, und er hofft, dass noch viele Jahre folgen. „Solange die Beine mitmachen, bin ich dabei“, verspricht er mit einem Augenzwinkern. Die Geschichte von Werner Niehle ist eine Hommage an den unermüdlichen Geist der Freiwilligenarbeit und ein Aufruf, sich ebenfalls zu engagieren.



