Am Sonntagmorgen versammelten sich die ersten Berliner am Tatort im Tiergarten, um der Opfer des mutmaßlichen Anschlags auf den Christopher Street Day zu gedenken. Ein weißer Kleinbus war am Vorabend gegen 22:15 Uhr in die feiernde Menschenmenge gerast. Eine Frau starb, mindestens 16 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich. Der Fahrer flüchtete, die Polizei fahndet nach ihm.
Trauer und Bestürzung in Berlin
Claudia und Carola, zwei Schwestern aus dem Bezirk Mitte, suchten am Sonntag einen Platz für ihre Kerzen. Ihre Kinder hätten eigentlich am CSD teilnehmen sollen. „Wir sind sonst immer dabei“, sagte Claudia. Jetzt seien sie „einfach nur wütend“. Gleichzeitig dürfe man sich nicht von der Angst einschränken lassen, meinte Carola. „Was geht in denen vor, die sowas machen?“ André Zwiers-Polidori, der mit seinem queeren Chor „canta:re“ auf dem CSD war, legte Blumen ab und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagte er.
Daniel Stein war extra für den CSD nach Berlin gereist. „Ich bin hier, weil ich bin, wie ich bin“, sagte er. Der Anschlag mache ihn „unfassbar traurig“ – zeige aber auch, wie wichtig der Christopher Street Day weiterhin sei. Von der Politik forderte er mehr Schutz für queere Menschen und eine vielfältige Gesellschaft. Auch Stein legte am Morgen Blumen am Tatort nieder.
Politische Reaktionen
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ordnete Trauerbeflaggung am Deutschen Bundestag an. Vizekanzler Lars Klingbeil schrieb, er sei „sehr bestürzt“. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann, der offen schwul lebt, sagte, der Angriff erschüttere ihn zutiefst und richte sich gegen „unsere freie und offene Gesellschaft“. Die Brandenburger Polizei unterstützt die Fahndung nach dem Täter.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier meldete sich aus Hamm, wo er an einem Tempelfest teilnahm. Er sei „erschüttert und entsetzt“ und sprach von einem Angriff auf Menschen, die „friedlich und fröhlich feiern wollten, ein Zeichen setzen wollten für Toleranz und Vielfalt“. Die Tat sei „ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben“. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) formulierte ähnlich: Der CSD stehe für ein Leben, „in dem alle Menschen frei und ohne Angst lieben können. Dieses Zeichen für eine offene Gesellschaft darf durch Gewalt und Hass nicht eingeschüchtert werden.“
Der Verband Queere Vielfalt (LSVD) schrieb auf Instagram: „Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen.“
Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen
Für Sonntagnachmittag war ab 14 Uhr eine Gedenkveranstaltung am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor geplant – dort, wo die Abschlusskundgebung des CSD abgebrochen worden war. Luigi Pantisano, Bundesvorsitzender der Linken, kündigte an, gemeinsam mit Elif Eralp, der Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhauswahl, teilzunehmen. Pantisano war am Samstag beim CSD gewesen. Am Morgen schrieb er: „Gestern Abend erreichte mich die Nachricht, dass Menschen, mit denen ich am selben Tag noch gefeiert habe, angegriffen und verletzt wurden.“ Das sei ein Tag der Trauer, „und nicht der schnellen Rufe nach Konsequenzen“. Man müsse früher ansetzen: hinschauen, wo Hass entstehe. „Wenn sie uns Angst machen wollen, dann antworten wir mit Hoffnung und Liebe.“
Um 16:30 Uhr fand ein Gedenkgottesdienst in der Marienkirche am Alexanderplatz mit dem evangelischen Bischof Christian Stäblein statt. Von dort aus startete ein Trauermarsch in Richtung Brandenburger Tor, organisiert von der queeren Opferberatungsstelle Maneo. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nahm ebenfalls teil. Von 18 bis 20 Uhr schloss sich eine stille Mahnwache am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an der Ebertstraße an.
Internationale Solidarität
Der Angriff in Berlin hatte auch jenseits der Stadtgrenzen Folgen. In Amsterdam, wo gerade die World Pride stattfand, wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Bürgermeisterin Femke Halsema kündigte an, überall dort zusätzliche Vorkehrungen zu treffen, wo es nötig erscheine. Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten nannte den Berliner Angriff eine „abscheuliche Gewalttat“ und versicherte Bundeskanzler Friedrich Merz: „In schwierigen Zeiten stehen wir Schulter an Schulter mit unseren deutschen Nachbarn.“



