Berliner Alltag: Klopp-Werbung, Baustellen und Budenzauber am Alex
Berliner Alltag: Klopp-Werbung, Baustellen und Alex

Ein ganz normaler Mittwochmorgen in Berlin: Uta Keseling, Reporterin der Berliner Morgenpost, wird auf dem Weg zur Arbeit unvermittelt von Jürgen Klopp angebrüllt. Der Ex-Bundesligatrainer und heutige TV-Experte grinst riesig von einer Hauswand an der Gneisenaustraße in Kreuzberg – Werbung für Bier. Mit aufgerissenem Mund und geballten Fäusten wirkt das Filmplakat martialisch, zumal sich in seinem Rachen ein Fenster befindet. Schaut jemand heraus, wird Klopp zum Menschenfresser.

Friedliche Morgenstunden trotz Baustellen

Das aggressive Bild steht im Kontrast zu einem stillen Junimittwoch. Zarte Wolken am Himmel, kaum Verkehr, weil die Gneisenaustraße kilometerlang halbseitig aufgebuddelt ist. An den Absperrungen blühen gelbe Königskerzen und wilde Rauke. In der Luft liegt nicht das übliche süßlich-eklige Aroma aus Abgasen, Shishawolken und Müll, sondern der Duft von Linden. Keseling radelt weiter durch die Lindenstraße, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Umweg über die Fischerinsel

Ziel ist der Alexanderplatz. Auf der Fischerinsel versucht die Reporterin, die Riesenbaustelle an der Mühlendammbrücke zu umfahren. Die marode Brücke ist gerade halbseitig abgerissen. Doch in der Wallstraße endet sie an einer Sackgasse und einem Bus an der Endhaltestelle. Dessen Fahrtziel klingt märchenhaft: „Müggelschlößchenweg“ – mit altmodischem „ß“. Das Wort ist so lang, dass es kaum ins Anzeigefenster passt.

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Begeistert zückt Keseling das Handy wie eine Touristin, als eine Stimme streng unterbricht: „Na, machense Fotos von meenem Bus?“ Der Busfahrer stimmt dann in ihre Begeisterung ein. Eine Stunde brauche er etwa von der staubigen Fischerinsel zum grünen Müggelsee, wenn kein Stau sei. „Wenn Zeit ist, kann man bis zum Wasser laufen und durchatmen. Herrlich.“

Vernachlässigte Grünflächen und angesagte Treffpunkte

Sie widersteht der Versuchung einzusteigen und radelt weiter. Auf der steinernen Balustrade der kleinen Inselbrücke sitzen junge Leute mit Sonnenbrillen, trinken Kaffee und schauen auf Museumsschiffe. Hinter der Brücke passiert sie einen verwilderten, kleinen Park mit hölzernen Sitzgelegenheiten, Tischtennisplatten, Spielplatz und Wasserblick – alles einsam und zugewuchert. Auf einigen Bänken haben sich obdachlose Männer im Halbschatten eingerichtet; einer blättert in einem großen Fotoband.

Keseling fragt sich: Warum werden in Berlin Brücken, Industriebrachen und andere unwirtliche Orte zu angesagten Treffpunkten, während Parks und Grünflächen zugemüllt oder vergessen werden?

Baustelle als Berliner Wahrzeichen

Sie schiebt das Rad hoch zur übrig gebliebenen Hälfte der Mühlendammbrücke. Oben sprenkelt einsam ein Trinkbrunnen vor sich hin, quasi unerreichbar wegen der Baustelle. Vielleicht nützt er bei Hitze wenigstens den Obdachlosen. Die Brücke ist ein eigenes Berliner Sujet. Im Gegensatz zu den Katastrophenbrücken an der A100 und der Elsenbrücke scheinen die Bauarbeiten hier ohne großes Drama voranzuschreiten. Am Ende der Brücke steht ein VW-Käfer mit Fell wie ein Filmwesen – eine Erinnerung an den Monster-Kloppo von Kreuzberg.

Budenzauber am Alexanderplatz

Die Ernüchterung kommt am Alexanderplatz. Auch im Sommer stehen dort dieselben Billig-Buden wie auf dem Weihnachtsmarkt: Quarkbällchen, Currywurst und Stände mit T-Shirts mit Aufdrucken wie „I Love my Boobs“. Sie flankieren ein sogenanntes Festival mit dem Namen „Soul im Kiez“. Wo am Alex der „Kiez“ ist, weiß Keseling nicht. Das Festival hat immerhin eine Bühne und eine Ausstellung. Die Folienplakate hängen an Bauzäunen – ganz ohne Baustelle. Das passe sehr gut zu Berlin, findet sie. Vielleicht sollte man den Berliner Bären im Wappen einfach durch eine Baustelle ersetzen. Das passt dann auch besser zum Schefflerschen Motto, Berlin sei verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.

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