An der Kreuzung Torstraße/Schönhauser Allee in Berlin herrscht typischer Großstadtlärm: Ampeln piepen, Autos hupen, Straßenbahnen klingeln, Fahrradbremsen quietschen. Die Berliner Morgenpost hat hier mit fünf Menschen gesprochen, die die Hauptstadt auf unterschiedliche Weise erleben – mit Bus und Bahn, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder hinter dem Steuer.
Öffentlicher Nahverkehr: „Man kommt eigentlich überall ganz gut hin“
Aimara, eine junge Portugiesin, wartet an der Straßenbahnhaltestelle auf die M8 Richtung Hauptbahnhof. Sie arbeitet beim Mobilitätsunternehmen Via und ist täglich auf den Nahverkehr angewiesen – wie mehr als jeder zweite Berliner. Aimara zeigt sich grundsätzlich zufrieden: „Man kommt eigentlich überall ganz gut hin“, sagt sie. Zwar gebe es Stadtteile mit schlechterer Anbindung und manche Querfahrten durch die Stadt dauerten lange, aber insgesamt funktioniere der Nahverkehr für sie gut. Verbesserungsbedarf sieht sie nur punktuell.
Diese Einschätzung deckt sich teilweise mit der Analyse des ADAC Berlin-Brandenburg. In seinem Forderungskatalog „Gemeinsam vorwärts“ beschreibt der Automobilclub Berlin als eine der verkehrsreichsten und komplexesten Städte Europas. Während Bezirke wie Mitte oder Charlottenburg-Wilmersdorf von einem dichten Nahverkehrsnetz profitieren, seien Außenbezirke wie Treptow-Köpenick oder Reinickendorf oft schlechter angebunden. Der ADAC fordert daher eine bessere Vernetzung, dichtere Takte und einen konsequenten Ausbau barrierefreier Angebote.
Zu Fuß unterwegs: „Ich bin gerne zu Fuß unterwegs“
Irina lebt noch nicht lange in Deutschland, hat eine Wohnung in Friedrichshain und arbeitet in Moabit. Sie fährt ungern mit der U5 und läuft stattdessen fast jeden Morgen zum Alexanderplatz, um dort in die S-Bahn zu steigen. „Ich bin gerne zu Fuß unterwegs“, sagt sie. Die Wege seien gut, auch wenn Kreuzungen wie diese manchmal sehr hektisch sein können. Trotzdem komme man in Berlin als Fußgänger meist gut ans Ziel.
Radfahrer: Wunsch nach mehr Fahrradstraßen
Anna und ihr Vater Felix schließen ihre Fahrräder an, um im Café eine Pause zu machen. „Wir sind am liebsten mit dem Rad unterwegs“, sagt Anna – wie 13 Prozent der Berliner. Ihre Familie wohnt in der Schwedter Straße, die im vergangenen Jahr auf rund 700 Metern zur Fahrradstraße umgestaltet wurde. „Das ist wirklich super“, sagt die Schülerin. „Aber es könnten ruhig noch mehr Fahrradstraßen werden.“ Kritische Situationen habe sie bereits mit Autofahrern, Fußgängern und besonders häufig mit Lieferdienstfahrern erlebt.
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht beim Radverkehr erheblichen Nachholbedarf. In seinem Forderungskatalog „Neustart fürs Rad“ verlangt der Verband ein durchgängiges Radwegenetz, mehr Tempo-30-Zonen, bessere Fahrradabstellanlagen und eine stärkere Verknüpfung von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr. Ab 2027 sollen jährlich 180 Kilometer neue Radwege entstehen. Der ADFC kritisiert, dass der Ausbau in den vergangenen Jahren deutlich hinter den eigenen Zielen zurückgeblieben sei.
Auch der ADAC sieht Defizite beim Radverkehr. Zwar werde Berlin häufig als fahrradfreundlich wahrgenommen, aber große Lücken im Radwegenetz und bei Abstellmöglichkeiten gebe es vor allem in Bezirken wie Spandau oder Marzahn-Hellersdorf. In fahrradstarken Stadtteilen wie Prenzlauer Berg oder Friedrichshain stoße die Infrastruktur zunehmend an ihre Grenzen.
Autofahrer: „Man gewöhnt sich an den stockenden Verkehr“
Karl, gebürtiger Schwede, lebt seit zehn Jahren in Berlin und parkt seinen schwarzen Kombi auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er bewertet die Verkehrslage gelassen: „Man gewöhnt sich an den stockenden Verkehr“, sagt er. Wer die Stadt kenne und wisse, welche Strecken besser funktionieren, komme mit dem Auto „relativ gut durch“. Ob das gut oder schlecht sei, müsse jeder selbst beurteilen – und spielt damit auf die Auswirkungen aufs Klima und andere Verkehrsteilnehmer an. Zum Problem werde Fahren und Parken eigentlich erst bei Baustellen. Im Vergleich zu seiner Heimatstadt Malmö empfinde er Berlin als ausgesprochen autofreundlich: Für seinen Bewohnerparkausweis zahle er nur wenige Euro im Jahr, in Schweden seien dafür rund 100 Euro im Monat fällig gewesen.
Taxifahrer: „Manchmal habe ich richtig Angst“
Olexandr Starychnev (62) fährt seit 1996 Taxi in Berlin, fest angestellt. Er stammt aus dem ukrainischen Dnepr und kennt Berlin ohne Navi. An einem Freitag kurz nach 9:30 Uhr sagt er: „Der Verkehr um diese Zeit ist katastrophal.“ Baustellen und Sperrungen ärgern ihn. Der Berliner Verkehr werde immer schlimmer. Er fährt vorsichtig und mit viel Geduld, Stadt-Autobahnen nutzt er nie. „Manchmal habe ich richtig Angst“, sagt er – vor Radfahrern und E-Rollern, die von allen Seiten kommen. Bisher hatte er nur einen Unfall, sagt er und klopft auf das Holz seines Armaturenbretts.
Staus und Schadstoffe: Die Perspektive des ADAC
Der ADAC verweist auf die zunehmende Belastung des Straßenverkehrs. Nach Angaben des Verbandes summierten sich die Staus in Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahr auf nahezu vier Jahre Gesamtstaudauer – ein Anstieg von rund 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen sind die A100 sowie stark befahrene Hauptverkehrsstraßen in Bezirken wie Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf oder Friedrichshain-Kreuzberg. Neben Zeitverlusten verursachten die Staus zusätzliche Luftschadstoffe. Der ADAC betont, dass eine moderne Verkehrspolitik sowohl den Ausbau der Infrastruktur als auch ein intelligentes Verkehrsmanagement berücksichtigen müsse. Gleichzeitig bleibe das Auto für viele Berliner unverzichtbar – für 30 Prozent der Berliner etwa für den Arbeitsweg, Einkäufe oder Familienfahrten.
Umfrage: Unterschiedliche Wahrnehmungen der Verkehrspolitik
Eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap zeigt, wie unterschiedlich die Berliner die Verkehrssituation wahrnehmen. Fast die Hälfte der Wahlberechtigten (47 Prozent) sieht seit dem Regierungswechsel zu CDU und SPD im Jahr 2023 keine grundlegende Veränderung in der Verkehrspolitik. Knapp ein Viertel nimmt Verbesserungen vor allem zugunsten des Autoverkehrs wahr, 19 Prozent sehen Vorteile für den Radverkehr. Dass sich die Verkehrspolitik in erster Linie zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs oder der Fußgänger entwickelt habe, meinen dagegen nur wenige.
Bevor Karl das Auto abschließt und mit seiner Tochter zum Hauseingang geht, fasst er den Verkehr in Berlin in einem Satz zusammen: „Es kommt halt immer auf die Perspektive an.“



