In der Kolumne „Die Lebenden und die Toten“ berichtet Andreas Kurtz über Helena Giuffrida, eine Bestatterin aus Berlin, die ihren Beruf aus einer persönlichen Berufung heraus gefunden hat. Anfangs ließ sie sich bei Trauerfeiern noch von Emotionen mitreißen, doch heute ist sie eine erfahrene Fachfrau, die mit Einfühlungsvermögen und Professionalität arbeitet.
Der Weg zur Bestatterin
Helena Giuffrida und ihr Ex-Mann Bruno, der Vater ihres Sohnes Conrad, waren bereits einige Jahre geschieden, als Brunos Krebsdiagnose sie wieder zusammenbrachte. In seinen letzten Monaten drehte Helena mit ihm einen Film, damit seine jüngeren Kinder aus einer späteren Beziehung ihren Vater besser kennenlernen konnten. Bruno wollte zu Hause sterben und organisierte sein Begräbnis selbst. Dabei lernte Helena seinen Bestatter kennen.
Einige Jahre später starb Helenas Vater und hinterließ ihr eine Geldsumme, die ihre Fantasie anregte. „Ich überlegte, Special-Effects-Makeup-Artist für Horrorfilme zu werden. Die teure Ausbildung in Hollywood konnte ich mir nun leisten“, so Helena. Nach der Ausbildung winkte ein Job in einer deutschen Gangster-Serie, der sich jedoch als leeres Versprechen entpuppte. „Irgendwann saß ich auf meinem Balkon und überlegte, welchen Beruf ich auch im Alter noch ausüben könnte. Mir kam die Frage: Warum schminke ich nicht statt Lebenden zu Toten einfach Tote zu Lebenden? Dann rief ich Brunos Bestatter an.“
Berufsbild Thanatopraktiker
Ohne den Begriff zu kennen, war Helena auf das Berufsbild des Thanatopraktikers gestoßen. Der Begriff leitet sich vom griechischen „Thanatos“ (Tod) ab. Thanatopraktiker führen hygienische Versorgung, zeitweilige Konservierung, Rekonstruktion nach Unfällen oder Krankheiten, Einbalsamierung sowie Vorbereitung für Aufbahrungen und internationale Überführungen durch. Helena fokussierte sich zunächst auf die Einbalsamierung und ließ auch nach einem Praktikum nicht von ihrem Vorhaben ab.
Später plante sie größer und entschied sich für den kompletten Beruf der Bestatterin. Die Zeit als Angestellte einer großen Bestattungskette war nicht die schönste, aber lehrreich: „Dort habe ich gelernt, wie ich es nicht machen will. Es war Fließbandarbeit, und das Pietätsgesicht – so nannten sie das – war einstudiert, nicht gefühlt.“ 2022 gründete Helena ihre Firma „Atelier Magnolia Bestattungen“.
Respekt und Individualität
Helena gilt als Spezialistin für Trauerfeiern für Kinder und besondere Abschiede am offenen Sarg. Sie ist temperamentvoll und gilt als streng, wenn gedankenloses Verhalten ihre Arbeit beeinträchtigt. Ein Beispiel: Während einer Abschiednahme eines verstorbenen Kindes sprachen Mitarbeiter einer Servicefirma sie an, ob sie ihr Auto umparken könne. Helena beendete daraufhin die Zusammenarbeit. „Ich liebe meine Toten und ihre Hinterbliebenen und lege Wert auf Respekt.“
Wenn ein totes Kind in ihrem Atelier ist, singt Helena Kinderlieder. Sie fährt sogar mit dem Leichenwagen zum Einkaufen: „Auf dem Parkplatz entstehen die schönsten Gespräche.“
Vom Mitweinen zur professionellen Distanz
In den ersten beiden Jahren arbeitete Helena nebenbei in einer italienischen Küche. Wenn ihr Telefon klingelte, sprintete sie vor die Tür, um die Anrufer nicht mit Küchengeräuschen zu stören. Anfangs weinte sie viel mit den Hinterbliebenen, bis ein erfahrener Bestatter ihr erklärte, dass sie das Boot durch das Tränenmeer lenkt, aber nicht selbst heult. „Inzwischen weine ich nicht mehr. Manchmal kullert noch eine Träne, aber ich bin nicht mehr aufgelöst.“ Das erklärt sie auch Grundschülern im Ethikunterricht, die fragen, ob der Job nicht traurig macht.
Bürokratie als Belastung
Wirklich belastend empfindet Helena die Bürokratie: Standesämter, die während der Sprechzeit nicht ans Telefon gehen, und Verbote echter Kerzen in Friedhofskapellen. „LED-Kerzen sind schrecklich unsinnlich.“ Wenn sie den Film über Brunos Sterben sieht, erinnert sie sich, wie Prioritäten sich verschieben: „Er wusste, dass er diesen Sommer nicht überleben würde. Plötzlich wurde ihm wichtig, die Serie ‚The Wire‘ zu Ende zu schauen.“
Bei ihren Trauerfeiern gibt es immer eine Minute des stillen Gedenkens. Nach der Abschiednahme verschließen die Angehörigen den Sarg. Dabei klemmt Helena ein kleines Stück Kleidung zwischen Sargunterteil und Deckel – „wie ein Zipfel des Mantels in der Autotür.“



