Nach dem Angriff auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin fahnden die Behörden weiter nach dem Tatverdächtigen Abdul Ballout. Der 21-jährige deutsche Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln wird beschuldigt, mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge gefahren zu sein. Eine Person starb, 29 weitere wurden verletzt. Zudem soll er auch eine Stichwaffe eingesetzt haben. Ballout soll mit dem Islamischen Staat (IS) sympathisieren. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bezeichnete die Tat als „islamistischen Terroranschlag“.
Kanzler Merz: „Wir sind mehr, wir sind stärker“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte sich im Vorfeld einer Andachtsfeier in der St. Marienkirche. „Diese Straftäter, diese Extremisten haben in der Mitte der Gesellschaft keinen Platz“, so der Kanzler. Er sei mit den Gedanken bei den Opfern des terroristischen Anschlags und wünsche allen Verletzten eine schnelle Genesung. Merz wandte sich direkt an die queere Community: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten. Wir sind mehr, wir sind stärker und wir halten in unserem Land zusammen.“
Tathergang und Sicherheitslücke
Laut Polizeisprecher Florian Nath ereignete sich die Tat außerhalb des abgesicherten CSD-Bereichs. Der Täter nutzte eine minimale Lücke in den Sicherheitsvorkehrungen. Er fuhr an der Ebertstraße nahe der Lessingstraße in eine Grünfläche und rammte einen Baum. Der weiße Kleinbus steckt noch immer dort fest. Die Polizei betont, dass weder Poller noch Absperrgitter umgefahren wurden. Der Täter muss mehrere hundert Meter über Parkwege durch den Tiergarten gefahren sein, tiefe Reifenspuren zeugen davon.
Die Sicherheitsmaßnahmen umfassten Hamburger Gitter und Polizeifahrzeuge an neuralgischen Punkten. Dennoch gelang es Ballout, in den Bereich zu gelangen. „Wie der Täter trotz der Sicherungen einfahren konnte, ist Teil der Ermittlungen“, so Nath.
Fahndung und zweiter Tatverdächtiger
Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach Abdul Ballout. Hunderte Einsatzkräfte sind beteiligt. In der Nacht wurden Durchsuchungen in verschiedenen Stadtbezirken durchgeführt. Mehrere Personen wurden befragt und teilweise in Gewahrsam genommen. Die Ermittlungshypothese eines zweiten Tatverdächtigen besteht weiterhin, muss aber gerichtsfest sein. Tatwerkzeuge außer dem Fahrzeug wurden bislang nicht gefunden. Eine Hieb- oder Stichwaffe – mutmaßlich eine Machete – wurde nach Zeugenaussagen eingesetzt, ob sie tatsächlich verwendet wurde, wird noch geprüft.
Verletzte nicht mehr in Lebensgefahr
Die Polizei gibt Entwarnung: Keiner der Verletzten befindet sich mehr in einem kritischen, lebensbedrohlichen Zustand. Insgesamt starb eine Person, 29 wurden verletzt oder schwerstverletzt. Innenminister Dobrindt sprach bei einem Pressestatement in der Nähe des Tatorts von „einer Toten und 29 Verletzten“.
Wer ist Abdul Ballout?
Der 21-jährige Tatverdächtige wohnt nur wenige Minuten vom Tatort entfernt. Er ist deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund; seine Mutter wurde 2002 eingebürgert, Ballout selbst wurde 2005 in Berlin geboren. Bereits in der Vergangenheit war er durch Straftaten und eine islamistische Radikalisierung aufgefallen. Kürzlich wurde er zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft, die drei Jahre gefordert hatte, legte Rechtsmittel ein. Ballout soll mit dem Islamischen Staat (IS) sympathisieren.
Trauerkundgebung am Brandenburger Tor
Am Nachmittag versammelten sich zwischen 8000 und 10.000 Menschen auf dem Pariser Platz zu einer Trauerkundgebung. Der Platz war voll, die Polizei ließ niemanden mehr hinzu. Viele legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Zahlreiche Politiker nahmen teil, darunter Ricarda Lang (Grüne), Dirk Stettner (CDU) und Luigi Pantisano (Linke). Aktivistin Barbie Breakout warnte vor Spaltung und Islamfeindlichkeit: „Lasst euch nicht von den Taten einer extremen Ideologie in die Arme einer anderen treiben.“ Auch Gianni Jovanovic rief zu Zusammenhalt auf: „Seid laut, seid solidarisch.“
Reaktionen aus der Politik
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betonte, die CSD-Strecke sei nicht getroffen worden, da die Polizei sie abgesichert habe. „Aber rund 400 Meter befanden sich auch Menschen.“ Er dankte dem CSD-Verein für das professionelle Agieren und die Evakuierung. Vor dem Roten Rathaus wurde Trauerbeflaggung gehängt. Bundesinnenminister Dobrindt drückte sein Entsetzen aus: „Wir stehen fassungslos und tieferschüttert, unsere Gedanken und unsere Trauer sind bei den Angehörigen.“



