Die Polizei in Deutschland hat im vergangenen Jahr erneut einen Anstieg der registrierten Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch verzeichnet. Laut dem aktuellen „Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen“ des Bundeskriminalamts (BKA) stieg die Zahl der Betroffenen und Tatverdächtigen deutlich an. Insgesamt wurden 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs gezählt – rund 1.600 mehr als vor fünf Jahren und 772 mehr als im Vorjahr.
Dramatischer Anstieg bei Jugendpornografie
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach bei der Vorstellung des Lagebilds in Berlin von einem „dramatischen Befund“. Besonders besorgniserregend sei der Anstieg der Fälle von Jugendpornografie um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Auch wenn in einzelnen Teilbereichen Rückgänge von Fallzahlen erkennbar sind, bleiben die Zahlen der Sexualdelikte erschreckend hoch und verzeichnen auch in Teilen einen dramatischen Anstieg“, sagte Dobrindt.
Hälfte der Fälle mit Vorbeziehung
Die Ermittlungen ergaben, dass in mehr als der Hälfte der Fälle zwischen Opfern und Tatverdächtigen eine Vorbeziehung bestand. Die große Mehrheit der Opfer waren Mädchen. Bei Missbrauch von Jugendlichen stieg die Zahl von 1.191 auf 1.239 Fälle. Auch die Zahl der Tatverdächtigen nahm zu – von 12.368 auf 12.823. Es handele sich dabei hauptsächlich um „alleinhandelnde“ Männer.
Ein besonders erschütternder Fall aus den Ermittlungen wurde im Bericht geschildert: Der ehemalige Leiter eines Kinderheims soll mehrere Frauen gegen Bezahlung dazu angeleitet haben, ihre eigenen Kinder schwer sexuell zu missbrauchen, Aufnahmen davon zu machen und ihm zu übermitteln. „Insgesamt konnten zwölf geschädigte Kinder ab dem Säuglingsalter identifiziert werden, die durch ihre Mütter missbraucht wurden“, heißt es im Lagebild.
Großes Dunkelfeld und Verlagerung ins Digitale
Die Statistik bildet nur das sogenannte Hellfeld ab – also die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten. „Neben dem in diesem Lagebild dargestellten polizeilichen Hellfeld ist von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen“, betont der Bericht. BKA-Präsident Holger Münch wies darauf hin, dass sich die Straftaten zunehmend in den digitalen Raum verlagerten. „Durch den Anstieg dort werden die Zahlen insgesamt nach oben getrieben.“
Eine große Befragung von Neuntklässlern zu Missbrauchserfahrungen unter der Regie der Missbrauchsbeauftragten des Bundes, Kerstin Claus, soll das Dunkelfeld demnächst besser ausleuchten. Claus sagte: „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist erschreckend alltäglich.“ Sie kritisierte rechtliche Lücken, insbesondere bei Jugendlichen: „Jugendliche sind nicht geschützt, wenn irgendein Mann über 50 meist ein Mädchen in eine sexuelle Beziehung verstrickt. Das ist nicht strafbar.“ Jugendliche zeigten diese Taten oft nicht an: „Sie schweigen aus Scham oder weil sie sich selbst die Schuld geben.“
Forderung nach mehr „Scheinkindoperationen“
Claus forderte zudem stärkere Ermittlungsarbeit. Elementar seien „Scheinkindoperationen“, bei denen sich Ermittler als Kind ausgeben, um potenzielle Täter zu überführen. Diese bahnen Kontakt zu möglichen Opfern oft über Social Media oder Chats in Onlinespielen an (sogenanntes Grooming). Auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Alexander Poitz, sieht Nachholbedarf. Die Justiz müsse personell so gestärkt werden, „dass die Strafe auf dem Fuße folgen“ könne, forderte er im „Frühstart“ von RTL und ntv. Die anhaltend hohen Fallzahlen führt er unter anderem auf neue Erfassungsrichtlinien, verändertes Anzeigeverhalten, eine Verlagerung in den virtuellen Raum und „ein gesellschaftliches Gewaltproblem“ zurück.
KI verschärft Problem zusätzlich
Bundeskriminalamt und Missbrauchsbeauftragte gehen nicht davon aus, dass die Opferzahl langfristig sinkt, wenn Missbrauchsdarstellungen verstärkt künstlich durch KI erzeugt werden. „Nein, das Gegenteil ist der Fall“, sagte Claus. „Diese Flut von Material, echt oder KI-generiert, führt zu Entgrenzungen.“ Und Entgrenzungen führten zu mehr Tatpersonen, weil etwas normalisiert werde. Der Konsum sei tatsächlich zunehmend. Die „Flut von Material“ macht es auch Ermittlern nicht einfach: „Die gestiegene Qualität dieser Inhalte und die zunehmend erschwerte Unterscheidung von realen und KI-generierten Inhalten stellen eine Herausforderung für die Strafverfolgung im Bereich der Opfer- und Täteridentifizierung dar“, heißt es im Lagebild.



