Seit 15 Jahren lebt Judith Raupp im Kongo und hat dort mehrere Ebola-Epidemien miterlebt. Im Interview spricht sie über Abstandhalten, Händewaschen, Misstrauen gegenüber Helfern und den Aufbruch der Jugend.
Die Faszination für den Kongo
Judith Raupp war Auslandsredakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“, als sie auf einer Reise mit dem damaligen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel den Kongo kennenlernte. Kurz darauf zog sie dorthin. „Zuerst war es die Natur“, sagt sie. „Wenn ich abends über den Kivusee schaue, wie die Sonne untergeht, das ist so was Spektakuläres und gleichzeitig Friedvolles. Und dann ist da eine tiefe Verbundenheit mit Menschen, die ich in Deutschland nur mit wenigen guten Freundinnen hatte.“
Ebola – eine Bedrohung?
Als 2019 Ebola ausbrach, fühlte sich Raupp nicht bedroht. „Gegen Ebola kann man sich relativ gut schützen, weil das Virus, anders als bei Covid, nicht durch die Luft übertragen wird“, erklärt sie. Sie hatte sich bei Ärzten erkundigt, die beim Ausbruch 2014 in Westafrika dabei waren, und hielt sich an die empfohlenen Maßnahmen: Abstandhalten, regelmäßiges Fiebermessen und Händewaschen.
Arztkontakt im Kongo
Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist im Kongo sehr unterschiedlich. „Das hängt davon ab, ob man Ausländerin ist oder einheimisch, ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt“, sagt Raupp. In Städten wie Goma gibt es inzwischen gute Krankenhäuser, und junge Leute informieren sich über das Internet über Gesundheit. Für Menschen in Dörfern ist es schwieriger, Ärzte und zuverlässige Informationen zu finden. Ebola bricht meist in Dörfern aus, unter anderem weil dort mehr Wildfleisch gegessen wird.
Aufklärung und Misstrauen
In Dörfern, die bereits Ebola erlebt haben, wissen die Bewohner meist, was zu tun ist. Sie halten Abstand von Toten und Kranken und informieren die nächste Krankenstation. Kirchen leisten viel Aufklärungsarbeit. Doch das Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen und ausländischen Hilfsorganisationen ist groß. „Im Ostkongo leben die Menschen seit 30 Jahren mit Krieg und Gewalt“, erklärt Raupp. „Es gibt 400 Milizen, die Dörfer überfallen, plündern und Frauen vergewaltigen. Die Regierung im fernen Kinshasa kümmert sich viel zu wenig darum, Frieden zu schaffen.“
Wenn dann Helfer in Schutzanzügen kommen und den Menschen vorschreiben, wie sie ihre Kranken pflegen und Tote bestatten sollen, führt das zu Konflikten. In Whatsapp-Gruppen kursieren wilde Gerüchte, etwa dass Ebola eine Erfindung der Hilfsorganisationen sei, um Geld zu machen.
Die Rolle der Medien
Die meisten Medien im Kongo sind unterfinanziert und zahlen geringe Löhne, was sie anfällig für Gefälligkeitsberichte macht. „Viele Journalisten lassen sich für gewisse Geschichten bezahlen, in denen PR und Journalismus vermischt werden“, sagt Raupp. Sie arbeitet mit dem Kommunalradio-Verband an einer Fact-Checking-Einheit, um zuverlässige Informationen zu liefern.
Fake News und ihre Folgen
Fake News sind ein Riesenproblem. „Viele Leute im Kongo kommunizieren über WhatsApp“, sagt Raupp. „In einigen Gruppen kursieren wilde Gerüchte, zum Beispiel, dass Ebola eine Erfindung der Hilfsorganisationen sei, um Geld zu machen.“ Das führe dazu, dass Krankenstationen angegriffen werden. Auch werde behauptet, Helfer würden Milizen mit Waffen versorgen.
Team Vorsicht vs. Team Freiheit
Im Kongo gibt es kaum Menschen, die aus Angst vor Ansteckung zu Hause bleiben. „Fast niemand bleibt aus Sorge vor Ansteckung zu Hause oder ändert sein soziales Leben“, sagt Raupp. „Das geht auch nicht, weil viele Menschen jeden Tag irgendeinen Job finden müssen, um abends etwas zu essen zu haben.“ Zudem sei Ebola nur in einem vergleichsweise kleinen Gebiet ausgebrochen.
Internationale Hilfe und Kritik
Während der Epidemie von 2018 bis 2020 pumpte die internationale Gemeinschaft eine Milliarde Euro in die Region. Viele Einheimische profitierten davon, aber es gab auch Skandale, etwa sexuelle Ausbeutung durch Helfer. „Da ist viel schiefgelaufen, und das bleibt in den Köpfen der Menschen haften“, sagt Raupp. Sie plädiert dafür, lokale Experten stärker einzubinden und langfristig zu denken, etwa beim Aufbau eines soliden Gesundheitssystems.
Kolonialismus und Menschenrechte
Das Thema Kolonialismus wird im Kongo zunehmend kritisiert, vor allem von jungen Menschen. Sie fühlen sich von der internationalen Politik gegängelt. Raupp ist sich der Geschichte des Kongo bewusst und verhält sich rücksichtsvoll. Sie wünscht sich eine gemeinsame Aufarbeitung der Kolonialgeschichte mit den betroffenen Ländern.
Besonders schockiert sie die alltägliche Gewalt gegen Frauen. „Sexualisierte Gewalt ist nicht alltäglich, aber leider weitverbreitet“, sagt sie. Sie mischt sich ein, wenn Menschenrechte beeinträchtigt werden. Junge Frauen im Kongo sind ihrer Meinung nach viel weiter als die ältere Generation und kämpfen für ihre Rechte.
Hoffnung auf Veränderung
Trotz aller Schwierigkeiten ist Raupp zuversichtlich. „Immer mehr Männer besprechen Entscheidungen heute mit ihren Frauen“, sagt sie. „Junge Frauen bestehen darauf, dass sie anziehen können, was sie wollen, und bestimmen, dass sie weniger Kinder bekommen.“ Sie erlebt im Kongo eine unglaubliche Solidarität und fühlt sich in Goma geborgener als irgendwo sonst.



