Esther Sedlaczek spricht über ihre postpartale Depression
Esther Sedlaczek: Postpartale Depression offenbart

Esther Sedlaczek über ihre postpartale Depression: „Dachte, ich falle um und muss sterben“

Berlin. Viele Frauen erleben nach der Geburt ihres Kindes eine postpartale Depression. WM-Moderatorin Esther Sedlaczek erzählt nun erstmals, was sie durchlitt. Von Natalja Fischer, Redakteurin im Ressort Leben. 18.06.2026, 12:37 Uhr.

Die Geburt eines Kindes ist meist ein Grund zur Freude. Doch was passiert, wenn anstelle von Glücksgefühlen Traurigkeit, Erschöpfung und Versagensängste auftreten? Die postpartale Depression, auch Wochenbettdepression genannt, trifft in Deutschland zehn bis fünfzehn Prozent der Mütter – und dennoch wird zu wenig über die Erkrankung gesprochen. Moderatorin Esther Sedlaczek, die bei der WM 2026 mit Ex-Fußballprofi Bastian Schweinsteiger für die ARD vor der Kamera steht, erzählt im „Spiegel“ nun erstmals, wie sie selbst diese Krankheit durchlitten hat.

Die Panikattacke und ihre Folgen

Etwas mehr als ein Jahr nach der Geburt ihrer ersten Tochter habe sie im Jahr 2020 eine Panikattacke erlebt. Sie sei in der Nacht aufgewacht, habe kaum noch atmen können, habe sich taub gefühlt. „Ich dachte, ich falle gleich um und muss sterben“, beschreibt sie in dem Magazin diese Situation. Ein Krankenwagen habe sie dann in eine Notaufnahme gebracht. Mittlerweile sei sie davon überzeugt, dass der Auslöser für die Panikattacke eine postpartale Depression war. Denn: Manche Mütter bekommen sie auch noch Monate nach der Geburt. Sedlaczek sei in dieser Zeit für ihren damaligen Arbeitgeber, dem Pay-TV-Sender Sky, ununterbrochen unterwegs gewesen. Zuhause habe ihr Kind gewartet. „Ich wollte auf allen Ebenen alles perfekt machen“, sagt sie.

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Expertin Sabine Surholt erklärt die Wochenbettdepression

Sabine Surholt, Vorsitzende des Vereins „Schatten & Licht“ und langjährige Expertin auf dem Gebiet, kämpft gegen Stigmatisierung und setzt sich dafür ein, Betroffenen schnell und effektiv zu helfen. Im Interview spricht sie über Ursachen, Symptome und Therapie und erklärt, wie auch gesellschaftliche Erwartungen zu der Erkrankung beitragen.

Was ist die Mission des Vereins „Schatten & Licht“?

Sabine Surholt: Unser Verein ist eine bundesweite Selbsthilfeorganisation, die Familien – insbesondere Müttern, aber auch Vätern und Angehörigen – hilft, wenn psychische Krisen rund um Schwangerschaft und Geburt auftreten. Wir beschäftigen uns mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern, dazu zählen beispielsweise postpartale Depression, Angst- und Zwangsstörungen sowie postpartale Psychosen. Unser Ziel ist es, Betroffenen niedrigschwellig Unterstützung zu bieten und Hilfe zu vermitteln.

Wie lässt sich die postpartale Depression vom Babyblues abgrenzen?

Surholt: Der Babyblues tritt vor allem durch die Hormonumstellung in den ersten zehn bis 14 Tagen nach der Geburt auf. Eine postpartale Depression geht darüber hinaus. Die Symptome überschneiden sich anfangs, das heißt, auch bei einer Depression können Müdigkeit, Erschöpfung und Traurigkeit auftreten. Kommen jedoch länger anhaltende Schuld- und Versagensgefühle hinzu, also das Gefühl, man sei eine schlechte Mutter und könne dem Kind nicht gerecht werden, sollten die Alarmglocken angehen. Hinzu kommen oftmals psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten. Manche Mütter berichten auch von Zwangsgedanken – das sind destruktive Gedanken, die sich aufdrängen, ohne dass die Frau sie tatsächlich ausführen möchte. Andere Frauen haben mit Ängsten und Panikattacken zu kämpfen.

Wird die postpartale Depression in Deutschland ausreichend wahrgenommen?

Surholt: Leider noch nicht genug. In Deutschland sind schätzungsweise zehn bis 15 Prozent aller Mütter nach der Geburt betroffen, das entspricht etwa jeder siebten Mutter. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil es häufig gar nicht zu einer entsprechenden Diagnose kommt. Trotz einer wachsenden Sensibilisierung in der Gesellschaft besteht weiterhin Aufklärungsbedarf. In Ländern wie England ist das Bewusstsein deutlich ausgeprägter – dort werden alle Mütter regelmäßig mit einem kurzen Fragebogen, dem EPDS (Edinburgh Postnatal Depression Scale), auf Anzeichen einer postpartalen Depression untersucht. Solche Screenings wären auch bei uns sinnvoll.

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Soziale Medien vermitteln falsche Vorstellungen von Mutterschaft

Surholt: Die Medien, einschließlich Social Media, tragen erheblich dazu bei, unrealistische Erwartungen an Mutterschaft zu etablieren. Werbung, Zeitschriften und Plattformen zeigen häufig das Bild der perfekt gestylten Mutter, die mit einem strahlenden Lächeln und einem zufriedenen Baby ihren Alltag scheinbar mühelos meistert. Die Realität sieht jedoch meistens ganz anders aus: Viele Mütter schaffen es kaum aus dem Schlafanzug, erleben körperliche Herausforderungen wie den Wochenfluss und fühlen sich erschöpft. Früher waren Großfamilien und enge soziale Netzwerke präsent, die ein realistisches Bild von Elternschaft vermittelten. Heute fehlt das häufig, sodass junge Mütter das überhöhte Ideal aus den Medien auf sich selbst übertragen. Gleichzeitig fordert unsere stark durchgetaktete Gesellschaft ein Leben nach Plan – mit durchgeplanten Karrieren und strikten Tagesabläufen. All das passt jedoch oft nicht mit der Unvorhersehbarkeit und den Herausforderungen eines Lebens mit Kind zusammen. Dieser Druck führt bei vielen jungen Müttern zu Überforderung und dem Gefühl, den Erwartungen nicht gerecht zu werden.

Kann man einer postpartalen Depression vorbeugen?

Surholt: Prävention beginnt mit einem realistischen Bild von Elternschaft. Es ist wichtig, sich von Perfektionismus zu lösen und frühzeitig Unterstützung zu organisieren – sei es durch Familie, Freunde oder Nachbarn. Früher gönnte man Müttern im Wochenbett mehrere Wochen Ruhe; heute möchten viele schnell wieder in den Beruf zurückkehren oder gleichzeitig alle Aufgaben alleine meistern. Hier ist es entscheidend, dass Mütter sich bewusst entlasten lassen und sich Hilfsstrukturen aufbauen.

Postpartale Depression: Wo finden betroffene Frauen Hilfe?

Surholt: Wenn Symptome länger als zwei Wochen andauern und den Alltag erheblich beeinträchtigen, sollten betroffene Frauen Hilfe suchen. Unser Verein „Schatten & Licht“ bietet eine erste Anlaufstelle – mit kostenloser Beratung durch Frauen, die selbst Erfahrung mit psychischen Krisen haben. Darüber hinaus stellen wir Kontakt zu Selbsthilfegruppen und Fachleuten her, empfehlen spezialisierte Therapeuten oder Kliniken. Sinnvoll ist auch der Kontakt zu Schwangerschaftsberatungsstellen, die häufig psychologische Gespräche anbieten. Im Falle starker Depressionen ist eine medikamentöse Behandlung durch einen Psychiater sinnvoll.

Sind Medikamente immer notwendig oder helfen auch andere Therapieformen?

Surholt: In leichten Fällen können pflanzliche Mittel oder eine Gesprächstherapie ausreichen. Bei tieferen Depressionen ist jedoch oft eine medikamentöse Behandlung sinnvoll, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Viele stillverträgliche Medikamente stehen heute zur Verfügung, sodass eine begleitende Behandlung gut möglich ist.

Wie lange dauert es in der Regel, bis eine Verbesserung eintritt?

Surholt: Die Dauer der Heilung ist individuell unterschiedlich. Durchschnittlich geht man von etwa drei bis sechs Monaten aus. Wichtig ist, dass sich Betroffene frühzeitig Hilfe suchen, dann stehen die Heilungschancen sehr gut. Auch wenn der aktuelle Zustand zunächst ausweglos erscheinen mag, tritt mit der richtigen Behandlung schnell Besserung ein, sodass die Mütter nach und nach zu einem unbeschwerten Alltag zurückfinden und die Bindung zum Kind aufbauen können.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.