Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte in Berlin betrachtet Gewalt an Schulen als großes oder sehr großes Problem. Das geht aus dem „Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer“ hervor, das Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) am Dienstag vorstellte. Die repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, dass 38 Prozent der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter Gewalt unter Schülern als großes Problem wahrnehmen, 18 Prozent sogar als sehr großes Problem.
Zahlreiche Gewalterfahrungen bei Neuntklässlern
Die Angaben der Schüler decken sich mit diesen Wahrnehmungen. Besonders betroffen sind Neuntklässler: Knapp zwei Drittel (63 Prozent) berichteten von Beleidigungen, knapp die Hälfte (49 Prozent) davon, lächerlich gemacht oder blamiert worden zu sein. Jeweils rund ein Viertel gab an, ausgegrenzt oder gemobbt (26 Prozent) beziehungsweise geschlagen, getreten oder geboxt (25 Prozent) worden zu sein. Vier Prozent wurden sogar verprügelt, und ein Fünftel (20 Prozent) nannte sexistische Kommentare.
Die Gewalt eskaliert oft aus nichtigen Anlässen: 42 Prozent der betroffenen Schüler aus den Klassen 9 und 12 gaben an, dass es aufgrund von Kleinigkeiten zu Gewalt oder Mobbing kam. Häufige Auslöser waren das Aussehen, die Kleidung oder der Körper (33 Prozent) sowie schulische Leistungen (19 Prozent). Antisemitische, rassistische oder queerfeindliche Gewalt spielt zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle, betrifft aber innerhalb der jeweiligen Gruppen einen hohen Anteil.
Experten warnen vor gesellschaftlicher Herausforderung
Prof. Marc Grimm von der Universität Wuppertal, der die Studie wissenschaftlich begleitete, kritisierte, dass manche Formen von Gewalt wie Schubsen nicht mehr als solche wahrgenommen würden. Prof. Ulrich Bauer von der Universität Bielefeld wies auf die großen Belastungen für Schulen und Lehrkräfte hin. „Wenn mehr als die Hälfte der Lehrkräfte Gewalt und Konflikte an ihren Schulen als großes oder sehr großes Problem wahrnimmt, dann reden wir nicht über Einzelfälle“, sagte Günther-Wünsch. „Wenn 4 von 5 Lehrkräften sagen, dass die Frustrationstoleranz und die Impulskontrolle bei Schülerinnen und Schülern nachgelassen haben und Konflikte schneller eskalieren, dann ist das ein deutliches Warnsignal.“
Besorgniserregend ist die Entwicklung an Grundschulen. „Sie berichten von Kindern, die wegen Kleinigkeiten explodieren, und von Konflikten, die deutlich schneller eskalieren“, so die Senatorin. Dies sei keine Frage einzelner Schulen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Bundesweite Relevanz und politische Reaktionen
Günther-Wünsch betonte, dass die Probleme nicht auf Berlin beschränkt seien: „Die Fragen, die diese Studie aufwirft, betreffen die Schulen in ganz Deutschland.“ Sie wünscht sich bundesweit Nachahmer für diese erste Studie ihrer Art. Die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp kritisierte den schwarz-roten Senat und forderte mehr Investitionen in Lehrkräfteausbildung und Sozialpädagogen sowie eine unabhängige Beschwerdestelle bei Diskriminierungsfällen.
Für die Erhebung wurden zwischen November 2025 und Januar 2026 gut 14.000 Schüler der sechsten, neunten und zwölften Klasse sowie mehr als 2.500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter befragt.



