Warum Fußball-Großmächte wie Indien und China bei der WM keine Rolle spielen
Indien und Co.: Warum sie bei der WM keine Rolle spielen

Die Jubelbilder von Tausenden Argentinien-Fans in Bangladesch gingen um die Welt: Im Trikot von Lionel Messi feierten sie euphorisch die WM-Auftritte ihres Superstars. Auch bei Brasilien-Spielen herrschte in vielen Straßen Ausnahmezustand. Doch das eigene Team blieb in der Gruppe der zweiten WM-Quali-Runde sieglos: Sechs Spiele, 1:20 Tore. Trotz fast 180 Millionen Einwohnern und trotz dieser Fußballbegeisterung.

Infantino träumt von 64 WM-Teilnehmern

FIFA-Präsident Gianni Infantino betont immer wieder, dass die ganze Welt von der WM träumen dürfen müsse, „nicht nur Europa und Südamerika“. Deshalb kann er sich vorstellen, das jetzige XXL-Turnier in vier Jahren weiter aufzustocken – auf 64 Teilnehmer-Nationen. Riesige Märkte liegen da noch brach. Denn Bangladesch ist kein Einzelfall: Auch Indien und China mit jeweils rund 1,4 Milliarden Einwohnern bekommen keine konkurrenzfähigen Mannschaften in die Spur. Abgesehen von den USA und Brasilien sind acht der zehn bevölkerungsstärksten Länder der Welt nicht bei der WM dabei, einige haben sich noch nie qualifiziert. Woran liegt das? Ein Überblick.

Indien: Cricket dominiert, Fußball hinkt hinterher

Im bevölkerungsreichsten Land der Welt ist Cricket unangefochtener Volkssport Nummer eins. Die Erfolge der Nationalmannschaft und die milliardenschwere Indian Premier League binden Talente, Geld und Aufmerksamkeit – zum Nachteil des Fußballs. Als zentrale Gründe für den Rückstand gelten außerdem fehlende Infrastruktur, mangelnde organisierte Talentförderung und das anstrengende Klima. Doch Indien will aufholen: Eine neue Profi-Liga, die Indian Super League, soll seit ihrem Start 2014 mit Investitionen aus Wirtschaft und Show-Branche den Fußball professionalisieren. Der Weg bleibt aber weit: Vor der WM 2026 schied Indien bereits in der zweiten Qualifikationsrunde in der Gruppe hinter Katar und Kuwait aus.

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China: Strukturelle Probleme und Korruption

China verpasste wieder einmal die Qualifikation für die WM. In der FIFA-Weltrangliste liegt das Land auf Platz 91. Die letzte WM-Teilnahme war 2002 in Südkorea und Japan: Gruppen-Aus mit null Punkten und 0:9 Toren. Staatschef Xi Jinping ist zwar fußballbegeistert und gab das Ziel aus, aus China eine große Fußballnation zu machen. Doch bislang sorgt der chinesische Fußball eher durch Wettbetrügereien und Korruptionsfälle für Schlagzeilen. Beobachter sehen ein strukturelles Problem: Vereine und Ligen könnten sich in China, wo die allein regierende Kommunistische Partei über Jahrzehnte ein Geflecht aus bürokratischen Hürden und Kontrolle aufgebaut hat, kaum eigenständig entwickeln. Seit einigen Jahren gibt es erste Amateurligen, Kritiker sehen darin jedoch eher Tourismusförderung. Immerhin: Bei den Frauen läuft es besser, sie liegen im FIFA-Ranking auf Platz 16.

Indonesien: Geografie und Misswirtschaft als Hindernisse

Im größten Inselstaat der Welt (280 Millionen Einwohner) ist Fußball die mit Abstand beliebteste Sportart. Die einzige WM-Teilnahme datiert jedoch aus dem Jahr 1938 – damals noch als Niederländisch-Indien. Noch in den 1950er Jahren zählte Indonesien zu den führenden Fußballnationen Asiens. Nach politischen Umbrüchen folgten Jahrzehnte mit Misswirtschaft, Korruptionsvorwürfen und fehlender Nachwuchsförderung. Erschwert wurde die Talententwicklung zudem durch die Geografie des Landes mit seinen mehr als 17.000 Inseln. 2015 suspendierte die FIFA den Verband vorübergehend, nachdem die Regierung in den Ligabetrieb eingegriffen hatte. Inzwischen geht es wieder aufwärts: Der Verband investiert stärker in die Jugendarbeit und kann auf in Europa ausgebildete Profis mit indonesischen Wurzeln bauen – darunter Kevin Diks von Borussia Mönchengladbach und Maarten Paes von Ajax Amsterdam.

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Pakistan und Bangladesch: Begeisterung ohne Erfolg

In Pakistan (rund 255 Millionen Einwohner) ist das Interesse groß: Viele Menschen tragen Messi-Trikots, das Stadtviertel Lyari in Karachi wird „Mini-Brasilien“ genannt. Die Sportinfrastruktur ist jedoch auf Cricket ausgerichtet. Streitereien, kaum Geld für Nachwuchsprogramme und kaum Bolzplätze lähmen die Entwicklung. Pakistan war noch nie bei der WM dabei. In Bangladesch (etwa 175 Millionen Einwohner) gilt Fußball als zweitbeliebteste Sportart hinter Cricket. Schwaches Management, zu geringe Investitionen und eine schlechte Infrastruktur seien die Gründe für die fehlende WM-Teilnahme, schreibt „The Asian Age“. Immerhin qualifizierte sich erstmals eine bangladeschische Frauenmannschaft für den Asian Cup – der Verband jubelte: „Macht euch bereit, Asien, Bangladesch ist auf der Fußball-Landkarte angekommen!“

Nigeria und Äthiopien: Afrikas Schwergewichte mit Problemen

Nigeria (etwa 242 Millionen Einwohner) gehört trotz der verpassten WM 2026 zu den Schwergewichten Afrikas. Nach dem erneuten Scheitern der „Super Eagles“ wurde kritisiert, die Talentförderung vernachlässigt zu haben. Äthiopien (etwa 139 Millionen Einwohner) ist bekannt für seine starken Langstreckenläufer, im Fußball zählt es zu den Schlusslichtern Afrikas (FIFA-Platz 143). Bewaffnete Konflikte, die schlechte Sicherheitslage und nur wenige Stadien erschweren die Talentsichtung. Das Nationalteam musste Heimspiele im Ausland austragen, weil keines der Stadien mehr internationalen Standards genügte.

Russland: Ausgeschlossen wegen Ukraine-Krieg

Russland, normalerweise häufiger Turniergast, nimmt nicht an der WM teil, weil FIFA und UEFA die russischen National- und Vereinsmannschaften nach dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 bis auf Weiteres von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen haben.