Der Kölner Christopher Street Day (CSD) ist in diesem Jahr politischer denn je. Die queere Community sieht sich wachsenden Anfeindungen und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt. Martin (35), der sich selbst „Flirty Flamingo“ nennt, ist einer der vielen Teilnehmer, die im Alltag Diskriminierung erleben. Er wird beschimpft, bespuckt und gemieden – doch resignieren kommt für ihn nicht infrage.
CSD als Sommerurlaub und Familienersatz
Martin kommt aus Gießen und ist ganz in Regenbogenfarben gekleidet. Einen aufgeblasenen Flamingo trägt er unter dem Arm. „Der Flamingo ist bei mir das Symboltier“, erklärt er. In der Community heiße es scherzhaft, normale Kinder bringe der Storch, die rosa Kinder der Flamingo. „Ich bin eins der rosa Kinder“, sagt Martin lächelnd. Die CSD-Umzüge sind für ihn der Sommerurlaub: „Ich kann höchstens in Skiurlaub – von Mai bis September bin ich unterwegs.“ Dieses Jahr will er mindestens 20 CSDs besuchen.
Sein Coming-out hatte er mit Anfang 20. Seine Eltern reagierten verständnisvoll. Sein Vater bat ihn nur: „Wenn du mal einen Mann hast, dann stell ihn bitte zu Hause vor. Bevor ich sterbe, will ich wissen, dass du glücklich bist.“ Doch der Alltag ist oft anders. Martin kleidet sich auch außerhalb des CSD in Regenbogenfarben – ein bewusstes Statement. „Da halten die Autos an, es wird irgendwas gerufen. Schimpfwörter. Gesten. Ich werde bespuckt. Im Zug setzen sich die Leute nicht neben mich. Es gab auch schon Situationen, wo ich dachte, dass es nicht bei Worten bleibt. Da schaffen sie es dann, mich einzuschüchtern.“
Wachsender Druck von rechts
Martin ist katholisch aufgewachsen und noch immer gläubig. In Gießen gibt es eine queere Gruppe der evangelischen Kirche, die sich einmal im Monat trifft. Dennoch nimmt er eine Zunahme von Vorbehalten und Angriffen wahr. „Wenn da gewisse Parteien am rechten Rand sind, die dafür sorgen, dass gewisse Themen wieder salonfähiger werden, dann überlege ich mir nochmal mehr: Kann ich so rumlaufen?“, erzählt er. Er sorgt sich um erkämpfte Rechte: „Ich könnte mir vorstellen, dass es in ein paar Jahren das Transsexuellen-Gesetz nicht mehr gibt, dass die Ehe für alle nicht sicher ist, weil da gerade eine Stimmung geschaffen wird, die das wieder infrage stellt.“
Dieses Gefühl teilen viele Teilnehmer. Drag Queen Meryl Deep sagt: „Der Wind weht rau, und vor allem gegen die queere Community.“ Selbst Herbert Reul, der CDU-Innenminister von Nordrhein-Westfalen, zeigt sich besorgt. Der 73-Jährige ist zum ersten Mal beim Kölner CSD dabei. „Zugegebenermaßen bin ich das erste Mal dabei“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. „Ich bin dabei, weil ich mir zunehmend Sorgen mache. Wir haben zunehmend Menschen, die den Anspruch erheben, zu bestimmen, wie man leben muss. Und das ist ein Irrtum.“
Präsenz zeigen und Rechte verteidigen
Hanni, non-binär, hält es für entscheidend, jetzt Präsenz zu zeigen: „Es war schon als Kind absehbar, dass ich irgendwie ganz anders ticke. Damals hat man das nicht so gesehen, damals hat man's auch nicht so gezeigt.“ Ralf (64) aus Dortmund, in einem orangenen Plüsch-Kostüm ein gefragter Selfie-Partner, erinnert sich an die 80er und 90er Jahre: „Früher war alles versteckter. Hinter verschlossenen Türen, in dunklen Ecken.“ Er will nicht klagen, sondern sieht positiv, dass immer mehr junge Menschen dazukommen. „Alle müssen auf die Straße gehen und zeigen, was los ist. Zeigen, dass wir da sind. Wir sind viele, wir haben Rechte.“
Auch in kleineren Orten organisieren sich die Menschen zunehmend. Shanann (36) aus Zürich ist in Deutschland die einzige Rechtsanwältin mit Spezialfach Transrecht. Sie warnt vor Entwicklungen wie in den USA: „Wir brauchen nicht noch einen zweiten Trump in Deutschland.“ Thomas (58) beobachtet, dass es auch in kleinen Orten CSD-Umzüge gibt, gerade dort, wo die AfD stark sei. Gegenwind mobilisiere Widerstand.
Gemeinschaft als Familienersatz
Martin sieht das genauso. „Viele Leute sagen, wir brauchen gerade auch auf dem Land Stammtische, wir brauchen eine Community, wir brauchen Gemeinschaft.“ Für ihn persönlich ist der Freundeskreis aus der Community zum Familienersatz geworden. „Ich habe ja keine Kinder“, sagt er. „Für mich ist das mein Freundeskreis. Es ist für mich ein Familienersatz geworden.“ Der Kölner CSD umfasst in diesem Jahr 250 Gruppen mit etwa 60.000 Teilnehmenden; die Veranstalter erwarten mehr als eine Million Besucher.



