Langsam, Tropfen für Tropfen, sickert die trübe, milchig-weiße Flüssigkeit aus dem Plastikbeutel in die Vene von Heide Schulz. „Ein sehr emotionaler, aber auch ein sehr schöner Moment“, sagt die 61-Jährige mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen. Seit Jahren kämpft sie um ihr Leben – mit tapferer Zuversicht und Willenskraft. Doch keine der bisherigen Behandlungen, keine Chemotherapie, konnte die wuchernden Zellen endgültig vertreiben. Nun sollen ihre eigenen Immunzellen die Wende bringen: Vor acht Wochen wurden sie ihr abgezapft, tiefgekühlt in die USA geschickt, dort mithilfe von Gentechnik optimiert und zurückgeschickt. Eine neuartige Immuntherapie, die bislang nur wenige Patienten in speziellen Studien erhalten.
Die Dimension des Krebsproblems in Deutschland
Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Für viele hat die Medizin inzwischen passende Therapien, die das Leben um Jahre verlängern oder sogar Heilung ermöglichen. Doch bei etwa 250.000 Patienten pro Jahr versagen alle Standardbehandlungen. Sie setzen ihre Hoffnungen in neue Therapieansätze, Medikamente, Bestrahlungs- und Zelltherapien, die noch erforscht, getestet und verbessert werden müssen.
Die Menschen hinter den Therapien
Doch wer sind die Menschen, die aus Ideen Therapien machen? Wer erforscht Krebs und seine Entstehung, versteht Tumore so gut, dass er Ideen zur Bekämpfung entwickelt? Wann entschließen sie sich, diese Idee zu einer Therapie zu machen – unter der Dusche, beim Bier nach Feierabend? Und welcher Arzt traut sich, einem todkranken Patienten ein völlig neues, noch nie getestetes Medikament zum ersten Mal zu verabreichen? Wer macht die Studien an Dutzenden und Hunderten Erkrankten, um die Wirksamkeit zu prüfen? Wer stellt den Wirkstoff her? Und wie lange dauert das alles in einem Land voller Vorschriften und Sicherheitsregeln wie Deutschland? Viel zu selten erfährt man von diesen Menschen, bleibt die alltägliche Mühsal, der Kampf mit Vorschriften und Behörden, um Budgets und Apparate, Personal und Zeit verborgen.
Die Serie: Vier Teile, elf Beiträge
Die Serie „Live aus der Krebsforschung“ wirft ein Schlaglicht auf diese Arbeit. In den folgenden Tagen und Wochen berichtet der Tagesspiegel in vier Teilen mit insgesamt elf Beiträgen aus einem der „Maschinenräume“ der Medikamentenentwicklung: der Charité Universitätsmedizin Berlin und dem Max-Delbrück-Center in Berlin-Buch. Wir erzählen von der Motivation und dem Frust der Ärzte, von den Mühen der Forschenden, von den Ängsten und Hoffnungen der Patientinnen und Patienten und von den Bemühungen aller Beteiligten, am Ende eine bessere Medizin und möglichst vielen Menschen ein gesundes und langes Leben zu ermöglichen.
Teil 1: Die Ideengeber
Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Rettende Therapien wären nötig, doch woher kommen die Ideen dafür? Der erste Teil beleuchtet die „Kinderstube für neue Therapien“ und zeigt: „Es braucht mehr als einen Geistesblitz.“ Ein Beitrag widmet sich den sechs wichtigsten Fragen und Antworten zu CAR-T-Zelltherapien, die auf Immunzellen des Patienten basieren und ohne gentechnische Eingriffe ins Erbgut nicht existieren würden.
Teil 2: Die Patientinnen und Patienten
Der zweite Teil porträtiert Betroffene wie Heide Schulz, die mit ihren eigenen Zellen gegen Eierstockkrebs kämpft. „Niemals aufgeben“ lautet ihr Motto. Eine „Waschmaschine für Blut“ – die Apherese – filtert Immunzellen heraus, die in moderne Krebstherapien verwandelt werden. Günther Jürß, bei dem der Krebs zweimal zurückkam, hofft auf „eine vollständige Heilung“. Klaus Petrewitz, der fast alle Therapieoptionen ausgeschöpft hat, entschied sich für eine Stammzelltransplantation.
Teil 3: Die Verwirklicher
Der dritte Teil zeigt den Spagat zwischen Labor und Patient: Wer überwindet die Kluft zwischen Forschung und Klinik? Antonia Busse, Onkologin an der Charité, erklärt: „Zelltherapien gegen solide Tumore verschaffen Zeit – das ist schon ein immenser Gewinn für die Patienten.“ Eine „Fabrik für Therapien“ verwandelt geschwächte Immunzellen in Krebskiller. Sophy Denker, die sowohl Ärztin als auch Forscherin ist, berichtet: „Wenn ich sage, ich behandle Menschen mit Krebs, folgt meistens Stille.“
Teil 4: Das System
Der abschließende Teil analysiert das kränkelnde System medizinischer Innovation in Deutschland. Ein Podcast zur Serie vertieft die Thematik.
Die Serie beleuchtet die Motivation und den Frust der Ärzte, die Mühen der Forschenden, die Ängste und Hoffnungen der Patienten und die Bemühungen aller Beteiligten in einem komplexen System, das am Ende eine bessere Medizin und ein gesundes, langes Leben ermöglichen soll.



