Wolfgang Lähme war sieben Jahre alt, als sein Vater starb. Jahrzehntelang bewahrte er die Erinnerung an einen liebevollen Vater. Doch dann stieß er auf Dokumente, die ein völlig anderes Bild zeigten: Sein Vater war ein aktiver Nationalsozialist. Die Frage, die ihn seither umtreibt: Wie bringt man die beiden Bilder zusammen?
Die Entdeckung der Vergangenheit
Der gerade gezogene Scheitel auf einem alten Foto fällt sofort ins Auge, ebenso wie der verschwommene schwarze Stempel mit Reichsadler und Hakenkreuz. Wolfgang Lähme breitet die Bilder seines Vaters auf einem Tisch in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg aus. Er zieht Dokumente aus einer Mappe und legt sie dazu. Sein Blick ist erwartungsvoll, als er die Unterlagen betrachtet.
Jahrzehntelang hatte Lähme seinen Vater als fürsorglichen Familienvater in Erinnerung. Erst nach dem Tod seiner Mutter fand er in deren Nachlass Hinweise auf die NS-Vergangenheit des Vaters. „Ich konnte es kaum glauben“, sagt Lähme. „Mein Vater war ein netter, ruhiger Mann – wie konnte er einem so verbrecherischen Regime dienen?“
Die Spurensuche
Lähme begann, systematisch zu recherchieren. Er durchforstete Archive, las Akten und sprach mit Zeitzeugen. Dabei stieß er auf Belege, dass sein Vater nicht nur Parteimitglied war, sondern auch in leitender Funktion an der Umsetzung der NS-Politik beteiligt war. „Es war ein Schock“, erinnert sich Lähme. „Ich musste mein gesamtes Bild von ihm infrage stellen.“
Die Erkenntnis traf ihn umso härter, weil er seinen Vater immer als moralische Instanz gesehen hatte. „Er hatte mir Werte wie Anstand und Menschlichkeit vermittelt – und dann das.“ Lähme fragt sich, ob sein Vater selbst unter dem Regime gelitten hat oder ob er die Ideologie aktiv unterstützte. „Vielleicht war er ein Mitläufer, aber die Dokumente deuten auf eine aktive Rolle hin.“
Der Umgang mit dem Erbe
Heute versucht Lähme, die beiden Bilder zu vereinen. „Ich kann ihn nicht einfach verdammen, denn er war auch mein Vater, der mich geliebt hat“, sagt er. „Aber ich darf auch nicht die Verbrechen vergessen, an denen er beteiligt war.“ Lähme hat sich entschlossen, die Geschichte öffentlich zu machen, um anderen Betroffenen zu helfen. „Viele Kinder von NS-Tätern schweigen aus Scham. Aber das Schweigen macht es nur schlimmer.“
Er hat seine Erkenntnisse in einem Buch veröffentlicht und hält Vorträge. „Es geht nicht um Verurteilung, sondern um Verstehen“, betont er. „Wir müssen uns der Vergangenheit stellen, um daraus zu lernen.“ Lähme hofft, dass seine Geschichte dazu beiträgt, die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Familien zu fördern.
Ein schwieriger Prozess
Der Prozess der Aufarbeitung ist schmerzhaft. Lähme gibt zu, dass er immer wieder mit Wut und Trauer kämpft. „Ich frage mich, wie mein Vater mit den Taten umgegangen ist, die er begangen hat. Hat er Gewissensbisse gehabt? Oder hat er alles verdrängt?“, so Lähme. „Diese Fragen werde ich nie beantworten können.“
Dennoch sieht er auch eine Chance: „Indem ich mich der Wahrheit stelle, kann ich meinen Vater als ganzen Menschen sehen – mit all seinen Widersprüchen.“ Lähme hat gelernt, dass Liebe und Verurteilung nebeneinander bestehen können. „Ich liebe meinen Vater immer noch, aber ich verurteile seine Taten.“
Ein Appell an die Gesellschaft
Lähmes Geschichte ist kein Einzelfall. Viele Familien in Deutschland tragen ein ähnliches Erbe mit sich. „Wir müssen offener darüber sprechen“, fordert er. „Nur so können wir verhindern, dass sich solche Ideologien wieder ausbreiten.“ Er appelliert an die Gesellschaft, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht zu scheuen. „Die Erinnerung an die Opfer verpflichtet uns, wachsam zu sein.“
Wolfgang Lähme hat seinen Frieden mit der Vergangenheit noch nicht vollständig gemacht. Aber er hat einen Weg gefunden, mit dem Widerspruch zu leben. „Ich werde nie alle Antworten bekommen. Aber ich habe gelernt, die Frage auszuhalten: Wie konntest du?“, sagt er. „Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, das Erbe zu bewältigen.“



