In seiner Kolumne „Nachtgestalten“ setzt sich Dieter Puhl, langjähriger Sozialarbeiter in der Berliner Wohnungslosenhilfe, mit dem Umgang mit obdachlosen Menschen auseinander. Sein klarer Standpunkt: Verbote helfen nicht. Stattdessen plädiert er für mehr Menschlichkeit und manchmal auch für etwas Unvernunft, um Vernünftiges zu tun.
Gunther und die Liebe seiner Familie
Hannes, seit 30 Jahren Polizeibeamter in Berlin, hat einen älteren Bruder namens Gunther, der seit über 40 Jahren obdachlos ist. Mal lebt er in Berlin, mal in anderen Städten. Schon als Jugendlicher erkrankte Gunther psychisch. Die ganze Familie wollte ihm helfen – vergeblich. Er tauchte in die Obdachlosigkeit ab und konnte die ausgestreckten Hände nicht ergreifen. Hannes erfährt von anderen, wie schlecht es seinem Bruder geht. Es ist ein Wunder, dass er noch lebt. Gunther ließ Menschen zurück, die ihn lieben und sich um ihn sorgen.
Mandy und ihr Vater
Mandy, eine bekannte Sängerin – ihr Name wurde geändert – sucht mehrfach im Jahr in Berliner Einrichtungen und auf der Straße nach ihrem Vater, der seit zehn Jahren obdachlos ist. Diagnosen wie Demenz oder Alzheimer waren nie ganz klar. Doch eines Tages war er einfach verschwunden. Wenn Mandy ihn doch einmal trifft, erkennt er seine Tochter nicht mehr und fragt: „Was wollen Sie von mir?“
Clara und ihre Tochter Jutta
Jutta lebt mit ihrer Familie in einem Haus im Schwarzwald, alles ist geordnet. Anders ihre Mutter Clara: Sie ist seit 35 Jahren obdachlos. Früher kam sie auf der Straße zurecht, doch mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger. Altersgebrechlichkeit ist nichts für Obdachlose. Als Jutta ihre Mutter in einer TV-Reportage sah, wie sie in Berlin ums Überleben kämpfte, meldete sie sich sofort bei der Bahnhofsmission am Zoo und bot Hilfe an – ein Zimmer im Schwarzwald. Doch Clara weigerte sich: „Meine Tochter arbeitet beim Verfassungsschutz, sie will mich abhören.“ So kann sich eine Psychose äußern. Manchmal ist dann nur noch wenig zu machen.
Martins Schicksal
Ein früherer Freund und Studienkollege, Martin, erkrankte vor Jahrzehnten schwer an der Seele. Seitdem lebt er auf der Straße. Wenn sie sich zufällig sehen, lässt er den Kolumnisten stehen. Nichts zu machen. Puhl wünscht ihm Gutes.
Alle – Hannes, Mandy, Jutta und der Kolumnist – haben Forderungen an die Politik. Sie haben viele Träger und Sozialarbeiter. Selbst Obdachlose haben Forderungen. Es ist ein hartes, zähes Geschäft. Zwei Schritte vorwärts, einen zurück – in Zeitlupe. Wenn das gesellschaftliche Klima kippt und das Geld knapp wird, geht es sogar mehrere Schritte zurück. Dabei weiß man längst, wie Obdachlosigkeit überwunden werden kann. Die Papiere liegen in etlichen Schreibtischen.
Solidarität in der Zwischenzeit
In der Zwischenzeit sterben obdachlose Menschen: Sie erfrieren, haben Unfälle, werden getötet oder bringen sich aus Verzweiflung um. Gut, wenn Banken in harten Wintern Obdachlose nachts in ihren Vorräumen dulden, trotz Kundenbeschwerden. Gut, wenn Sportvereine Schlafsäcke sammeln und die halbe Stadt solidarisch zusammenrückt, um zu wärmen und zu helfen. Mit etwas Unvernunft Vernünftiges tun. Es ist nicht der Job der BVG, Bahnhöfe zu öffnen – aber es hat geholfen, vermutlich Leben gerettet.
Wenn Menschen sich in S-Bahnen aufwärmen, findet Puhl das gut und nötig, denn manchmal gibt es keine Alternative. Wenn sie dabei müffeln oder stinken, nimmt er das in Kauf – gerne sogar. Dass sie eher Opfer als Täter sind, lasse sich belegen. Sind sie zu betrunken und zu laut, sollte das Ende der Fahnenstange erreicht sein – für diesen Tag. Angst hat Puhl übrigens vor angetrunkenen, pöbelnden Fußballfans in Verkehrsmitteln, die manchmal ganze Züge zerlegen. Ein einfaches Rezept für den Umgang mit ihnen hat er nicht.



