Die Sommerferien nahen, und mit ihnen die Frage: Fährt der Teenager noch mit den Eltern in den Urlaub oder nicht? Viele Familien erleben ein Hin und Her zwischen Zusage und Absage, das Eltern vor Herausforderungen stellt. Inke Hummel, Erziehungsberaterin und Autorin des Ratgebers „Miteinander durch die Pubertät“, erklärt im Gespräch mit ntv.de, dass es kein typisches Muster gebe: „Es gibt schon 14-, 15-Jährige, die Urlaub mit den Eltern nicht mehr so super finden und gern was anderes machen möchten.“ Andere Familien hingegen hätten Kinder, die mit Anfang 20 noch gern mitfahren, „einfach, weil es gut klappt und nett ist.“
Entwicklungspsychologische Hintergründe
Der Abnabelungsprozess beginnt meist im Alter von 12 bis 14 Jahren. Jugendliche lösen sich schrittweise von den Eltern, ihr Bedürfnis nach Selbständigkeit, Privatsphäre und eigener Identität wächst. Ab 15 hinterfragen sie zunehmend Regeln, orientieren sich stärker an Freunden und testen Grenzen aus. Diese Phase endet in der Regel zwischen 18 und 20 Jahren mit zunehmender emotionaler und sozialer Eigenständigkeit. Studien zeigen, dass Jugendliche mit einer guten Bindung an ihre Eltern häufig leichter eine gesunde Eigenständigkeit entwickeln. Dennoch fällt vielen Eltern das Loslassen schwer. Hummel betont: „Man muss sich überlegen: Wie gehe ich mit dieser Lücke um, die dadurch entsteht?“
Umgang mit Enttäuschung und Wankelmütigkeit
Eltern sollten ihre Enttäuschung offen äußern dürfen, ohne das Kind moralisch unter Druck zu setzen. „Es ist in Ordnung, wenn Eltern offen ihr Bedauern ausdrücken und die eigene Enttäuschung beschreiben“, so Hummel. Wichtig sei, die Traurigkeit nicht in sich hineinzufressen, sondern gemeinsam nach Kompromissen zu suchen. Ein möglicher Ansatz: frühzeitig Alternativen durchspielen, wie ein Feriencamp oder eine Reise mit Freunden. Liefert der Teenager bis zu einem Stichtag keine tragfähige Option, wird der Urlaub gemeinsam verbracht. „Wir müssen das Organisatorische übernehmen, aber gleichzeitig Optionen bieten“, rät die Expertin.
Balance zwischen Verbundenheit und Loslassen
Teenager sind oft wankelmütig – eine Zusage zum gemeinsamen Urlaub kann kurz vor Ferienbeginn in eine Absage umschlagen, etwa weil zu Hause die Party des Jahres lockt. Hummel empfiehlt, die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf andere klar zu benennen. Gleichzeitig müsse man berücksichtigen, dass Jugendliche aufgrund ihrer Gehirnentwicklung stark im Hier und Jetzt leben: „Für größere Entscheidungen müssen wir Eltern die Verantwortung übernehmen, weil die Jugendlichen es nicht überblicken können.“
Praktische Tipps für die Urlaubsplanung
Ein konkreter Plan könnte so aussehen: Frühzeitig Alternativen besprechen, einen Stichtag für die Entscheidung setzen und bei Nichteinigung den Familienurlaub als verbindlich erklären. Hummel selbst erlebte kürzlich, wie ein 14-Jähriger ihren Pubertätsratgeber kritisierte: „Er schrieb, wenn seine Mutter daraus etwas übernehmen würde, fände er das sehr provozierend.“ Direkte Konfrontation sei Teenagern oft unangenehm, weil sie sehr mit sich selbst beschäftigt seien. „Gerade diese coole Fassade ist häufig ein Hilfskonstrukt, das sie nicht ablegen können. Deshalb ist das Dranbleiben wichtig, irgendwann platzen bestimmte Knoten wieder.“
Fazit: Eine Phase des Aushaltens
Konflikte zwischen Eltern und Teenagern sind in dieser Phase normal und selten durch ein oder zwei Gespräche zu lösen. „Es führt kein Weg daran vorbei: Es kann eine Weile blöd sein zwischen Eltern und Teenie“, so Hummel. Entscheidend sei, die Verbundenheit nicht zu verlieren und gleichzeitig den Abnabelungsprozess zu respektieren. Denn: „Die gehen nicht von euch weg, sondern die gehen zu sich hin.“



