Nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela ist die Zahl der bestätigten Todesopfer auf 589 gestiegen. Fast 3.000 Menschen wurden verletzt, wie die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez im staatlichen Fernsehsender VTV mitteilte. Die Suche nach Verschütteten ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Experten zufolge sinken die Überlebenschancen nach 72 Stunden drastisch.
Zwei schwere Beben erschüttern die Karibikküste
Am Mittwoch erschütterten zwei kurz aufeinanderfolgende Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 den Norden und das Zentrum Venezuelas. Besonders betroffen ist der Bundesstaat La Guaira, wo nach Angaben von Innenminister Diosdado Cabello mehr als 70.000 Familien unter den Folgen leiden. Meterhohe Schutthaufen türmen sich in den Straßen, verzweifelte Angehörige suchen mit bloßen Händen nach ihren Liebsten. Vereinzelt werden noch Überlebende aus den Trümmern gezogen – unter Jubel der Umstehenden.
Internationale Hilfe läuft an
In der Nacht zum Freitag landeten erste internationale Einsatzkräfte in Venezuela, darunter Helfer aus Kolumbien, Mexiko und der Schweiz. Die Europäische Union entsendet mehr als 520 Helfer und Rettungshunde aus acht Mitgliedstaaten. Auch die USA stellten Such- und Rettungsmannschaften sowie medizinische Hilfe bereit. Die US-Botschaft in Caracas betonte: „Wir stehen weiter zu Venezuela.“ Die Regierung von Präsident Donald Trump kündigte zudem Hilfsgelder in Höhe von 150 Millionen US-Dollar an. Das US-Finanzministerium erlaubte vorübergehend Transaktionen, die wegen bestehender Sanktionen eigentlich verboten wären, um umfassende Hilfsleistungen zu ermöglichen.
Starlink stellt Kommunikation bereit
Um die Kommunikation in den Katastrophengebieten zu gewährleisten, kündigte der Satelliteninternetanbieter Starlink von Tech-Unternehmer Elon Musk an, das Netz für Kunden bis zum 25. Juli kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Das Mobilfunknetz und das Internet waren nach den Beben vielerorts ausgefallen. In sozialen Medien kursierten Gerüchte über einen drohenden Tsunami, denen Innenminister Cabello im Staatsfernsehen widersprach. Er bezeichnete die Urheber als „skrupellose Leute, die nur darauf aus sind, unserem Volk zu schaden“.
Deutsche Helfer auf dem Weg
Vom Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen starteten vier Transportmaschinen der Luftwaffe mit Einsatzkräften des Technischen Hilfswerks (THW) an Bord. Die Helfer haben Suchhunde, Mikrofone und Kameras dabei, um Verschüttete zu orten. THW-Teamleiter Peter Benz zeigte sich zuversichtlich, dass auch viele Stunden nach dem Einsturz noch Überlebende gefunden werden könnten, da die Betonhochhäuser oft Hohlräume bilden. „Und in den Hohlräumen haben Menschen Chancen zu überleben“, sagte er. Die deutsche Hilfe wird zunächst auf der Insel Curaçao zwischenlanden, da der Flughafen Simón Bolívar im schwer getroffenen La Guaira beschädigt ist.
Erdbebenregion mit langer Geschichte
Nach Angaben des Potsdamer Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) sind die Beben auf die Bewegung der karibischen und südamerikanischen Platte zurückzuführen. Das Doppelbeben sei die stärkste Erschütterung in der Region seit etwa 100 Jahren – zuletzt gab es 1900 bei Caracas ein Beben der Stärke 7,7. Viele Anwohner erinnern sich noch an das Beben von 1967 mit der Stärke 6,5, das mehr als 200 Tote forderte.
Opposition fordert Rückkehr der Exil-Venezolaner
Die im Exil lebende Oppositionsführerin María Corina Machado, die 2025 für ihren Einsatz für Demokratie den Friedensnobelpreis erhielt, nannte die Katastrophe „die größte Tragödie, die wir jemals hatten“. Zehntausende suchten nach Angehörigen. Sie rief die Millionen Venezolaner im Exil zur Rückkehr auf: „Wir wollen, dass unsere Kinder, die überall in der Welt verstreut sind, zurück in ein Land kommen, das wir zusammen aufbauen müssen.“ Machado hatte im Frühjahr ihre Rückkehr nach Venezuela angekündigt.
Wirtschaftskrise verschärft sich
Die politischen Turbulenzen der vergangenen Jahre hatten die wirtschaftliche Dauerkrise Venezuelas weiter verschärft. Trotz der Lockerung der US-Sanktionen nach der Festnahme von Ex-Präsident Nicolás Maduro lebt ein Großteil der Bevölkerung in Armut – obwohl das Land über die größten bekannten Erdölreserven der Welt verfügt. Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung funktionieren vielerorts nur eingeschränkt. Hilfsorganisationen befürchten, dass das jüngste Doppelbeben die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten weiter verstärken wird.



