Die Intendantin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, hat sich erstmals öffentlich zur umstrittenen Absage einer Gedenkveranstaltung mit dem jüdischen Publizisten Michel Friedman geäußert. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag) sprach sie von einem „hausintern erheblichen Kommunikationsdefizit“ und einer „fatalen Fehleinschätzung“. „Bitte verstehen Sie, wenn ich dazu nicht mehr sagen will, außer: Ich trage als Leiterin dieser Festspiele die Verantwortung“, sagte die 48-Jährige. Sie fügte hinzu: „Das alles tut mir von Herzen leid.“
Skandal um Ausladung von Michel Friedman
Die Bayreuther Festspiele hatten Schlagzeilen gemacht, weil Friedman zu einer Gedenkveranstaltung für während der NS-Zeit verfolgte jüdische Musiker zunächst eingeladen und dann wieder ausgeladen wurde. Der 70-jährige Publizist machte den Vorgang und seine Empörung darüber öffentlich. Nach tagelanger Kritik ruderten die Festspiele zurück. Die Gedenkfeier soll nun doch am 26. Juli, vor der Premiere der Richard-Wagner-Oper „Rienzi“ im Bayreuther Friedrichsforum stattfinden – allerdings ohne den Dirigenten Christian Thielemann. Noch stünden organisatorische Details aus, hieß es.
Wagner: „Ich wollte es nicht nur cosy haben“
Wagner betonte, dass die Veranstaltung in der Eröffnungswoche stattfinden müsse, „wenn Bayreuth im Fokus der medialen Aufmerksamkeit steht“. Sie habe Friedman angefragt, „weil ich uns nicht nur hochleben lassen wollte“. Zwar seien 150 Jahre Festspielgeschichte ein Grund zum Feiern. „Zugleich bin ich mir der kritischen Geschichte bewusst, die dieses Haus und die Familie Wagner mit sich bringen. Ich erwarte eine sehr kritische Rede von Herrn Friedman. Wenn ich es nur cosy haben wollte, hätte ich ihn nicht eingeladen.“
Zur vorübergehenden Absage erklärte die Festspiel-Chefin: „Unser kaufmännischer Geschäftsführer hatte alle noch nicht veröffentlichten Veranstaltungen unter dem Eindruck der vielen sich zuspitzenden internationalen Krisen zunächst abgesagt, auch diese.“ Wagner selbst habe am Gedenkkonzert festhalten wollen: „Ich selbst wollte am Gedenkkonzert mit Herrn Friedman selbstverständlich festhalten, was schließlich auch gelungen ist. Rückblickend hätten wir aber bereits damals auf Herrn Friedman zugehen und ihn informieren müssen.“ Die Sicherheitsbedenken, mit denen die Veranstaltung abgesagt worden sei, seien interne Bedenken der Festspiele gewesen, keine behördlichen.
Historische Verstrickungen der Festspiele
Der Komponist Richard Wagner (1813–1883), Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich wiederholt antisemitisch. Später galten die Festspiele als eng mit nationalistisch-völkischem Gedankengut und dem Nationalsozialismus verflochten. Adolf Hitler war regelmäßiger Gast in Bayreuth. Katharina Wagners Großmutter Winifred Wagner, die die Festspiele damals leitete, galt als glühende Verehrerin Hitlers.
„Dass Hitler Wagner liebte, das bestreitet hier niemand, und wir haben den 'Rienzi' auch deshalb ins Programm genommen, um ihn gerade kritisch zu betrachten und uns der Diskussion zu stellen“, sagte Wagner der „Süddeutschen Zeitung“. Sie wünscht sich nach eigenen Angaben noch mehr historische Aufarbeitung: „Es wäre aus meiner Sicht wichtig, der Öffentlichkeit auch all das historische Material zugänglich zu machen, das noch bei den anderen Teilen der Familie liegt. Dass das nicht ausgewertet werden kann, dass wir gar nicht wissen, was da vielleicht noch schlummert, empfinde ich als Makel.“



