Wenn der Lebensmut stirbt: Vom gebrochenen Herzen zur Obdachlosigkeit
Wenn der Lebensmut stirbt: Vom gebrochenen Herzen zur Obdachlosigkeit

In seiner Kolumne Nachtgestalten berichtet Dieter Puhl über ein Phänomen, das er in über 30 Jahren Arbeit mit obdachlosen Menschen in Berlin immer wieder beobachtet hat: Der Verlust eines geliebten Menschen kann der Auslöser für Obdachlosigkeit sein – nicht etwa Alkohol, Schulden oder Kündigungen.

Wenn der Partner geht: Eine Geschichte von Heinz und Jutta

Heinz und Jutta führten 22 Jahre lang eine scheinbar glückliche Beziehung und Ehe. Bis Jutta sich in einen Arbeitskollegen verliebte. Die Trennung von Heinz dauerte kaum länger als ein Wimpernschlag. Heinz aber verlor jeden Sinn in seinem Leben, konnte nicht mehr zur Arbeit gehen und seinem gewohnten Alltag nachgehen. Seit 16 Jahren ist er nun obdachlos, jeglicher Antrieb ist ihm abhandengekommen. „Wozu alles?“, fragt er sich.

Das Leben nach dem Verlust: Wenn der Stecker gezogen wird

Von außen betrachtet ging das Leben nach dem Verlust des liebsten Menschen weiter. Die Miete musste bezahlt werden, der Kühlschrank gefüllt, die Wäsche gewaschen. Doch manchen gelang genau das nicht mehr. Sie brachen alle Zelte ab, kündigten die Wohnung oder verloren sie, versanken in Hoffnungslosigkeit. Es war, als hätte jemand den Stecker ihres Lebens gezogen. Der Tod kam nicht sofort, er schlich sich langsam heran – über Jahre. Aber ein Leben war oft auch nicht mehr möglich.

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Das Broken-Heart-Syndrom: Wenn seelischer Schmerz körperlich wird

Mediziner sprechen tatsächlich vom „Broken-Heart-Syndrom“, bei dem das Herz auf seelischen Schmerz reagieren kann. Doch Dieter Puhl meint etwas anderes: Menschen, die ihren Lebensmut verlieren, die morgens keinen Grund mehr finden aufzustehen, die körperlich noch leben, innerlich aber bereits Abschied genommen haben.

Ein persönliches Erlebnis: Verzweiflung und Hoffnung liegen nah beieinander

Ein Erlebnis hat auch dem Kolumnisten gezeigt, wie nah Verzweiflung und Hoffnung manchmal beieinanderliegen. Seine Tochter war vier Jahre alt, als sie an einer aggressiven Leukämie erkrankte. Eines Tages standen mehrere Ärzte und er an ihrem Krankenbett. Die Lage war aussichtslos, alle rechneten damit, dass sie die nächsten Minuten nicht überleben würde. In diesem Moment war sich Dieter Puhl völlig im Klaren: Wenn seine Tochter jetzt sterben würde, würde er anschließend in sein Auto steigen und mit voller Geschwindigkeit gegen einen Brückenpfeiler fahren. Heute erschreckt ihn diese Erinnerung selbst.

Das Wunder: Die Tochter überlebt und wird gesund

Doch dann geschah etwas, das er bis heute nur als Wunder bezeichnen kann. Seine Tochter überlebte und wurde gesund. Im kommenden Monat wird sie 37 Jahre alt. Sie hat drei wunderbare, lebhafte Töchter – seine Enkelinnen. Und er selbst durfte Dinge erleben, die er damals für unmöglich gehalten hätte: Er konnte Projekte für obdachlose Menschen aufbauen, wurde zum Berliner des Jahres gewählt, erhielt das Bundesverdienstkreuz. Vor allem aber durfte er ein erfülltes und dankbares Leben führen!

Zurück bleiben Frauen mit gebrochenem Herzen

Auch in vielen Familien hat Dieter Puhl erlebt, wie Menschen am Verlust zerbrechen. Männer verlassen nach 40 oder mehr Ehejahren ihre Frauen für eine deutlich jüngere Partnerin. „Ich fange noch einmal neu an“, sagen sie. Zurück bleiben Frauen, deren Herz nicht nur verletzt, sondern regelrecht zerbrochen ist. Viele kämpfen sich zurück ins Leben. Manche schaffen es nicht. Sie funktionieren noch eine Zeit lang, aber die Freude kehrt nicht mehr zurück. Die Zukunft verliert ihre Farbe. Wenn sie schließlich sterben, wirkt ihr Tod manchmal fast wie eine Erlösung.

Warum die einen wieder aufstehen können und die anderen nicht

Warum die einen wieder aufstehen können und die anderen nicht, weiß Dieter Puhl nicht; Resilienz erklärt nicht alles. Als Christ glaubt er, dass Gott uns auch dann nicht verlässt, wenn wir ihn nicht mehr spüren. Vielleicht sind es gerade die dunkelsten Stunden, in denen seine Nähe am größten ist – wie bei einem Vater, der sein verzweifeltes Kind festhält, das ihn vor lauter Tränen nicht sehen kann. Sicher weiß er nur eines: Menschen brauchen Menschen. Sie brauchen Liebe, Nähe, Zuspruch und manchmal einfach jemanden, der bleibt. Denn manche Menschen sterben nicht an einem Herzinfarkt oder an Altersschwäche. Manche Menschen sterben an einem gebrochenen Herzen.

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