WM-Aus: Psychologe warnt vor Sommer-Horror-Märchen
WM-Aus: Psychologe warnt vor Sommer-Horror-Märchen

Nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale herrscht in Deutschland Katerstimmung. Der Traum vom Sommermärchen 2.0 ist geplatzt. Stattdessen droht ein „Sommer-Horror-Märchen“, wie Politologe Jürgen Falter der dpa sagte. „Wir sind im Tal der Tränen, das ist eine Tatsache.“ Ein WM-Erfolg hätte die Stimmung aufhellen können, doch durch die verballerten Elfmeter fällt das nun aus.

Kanzler-Merz-Post sorgt für Spott

Der Tag nach dem Aus begann mit einem Post von Bundeskanzler Friedrich Merz, der viele verwirrte. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel“, schrieb er. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Auf X trendete daraufhin die Wortkombination „Welches Spiel“. Die politische Konkurrenz reagierte mit Spott. FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann ätzte: „Ich weiß gar nicht, was schlimmer war. Das Spiel oder diese Analyse.“ Die AfD höhnte, Merz habe sich so sehr ans Schönreden gewöhnt, dass er gar nicht mehr anders könne. In einem zweiten Post konterte der Kanzler: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark.“

Psychologe: Gesellschaft in Nachspielzeit

Der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Kölner Rheingold-Instituts und Autor des Buchs „Wir Krisenakrobaten“, analysiert: Deutschland sei gesellschaftlich gesehen in einer Art Nachspielzeit. „Das heißt: Die Nation hat lange Zeit auf 'Halten' gespielt, nicht nur fußballerisch, sondern gesellschaftlich.“ Die Vorstellung von Deutschland als einer Insel des Wohlstands und der Stabilität sollte noch ein wenig länger festgehalten werden – auch wenn mit Corona-Krise, Ukraine-Krieg und Rezession schon lange die drastische Wirklichkeit in diese Blase eingebrochen war. Kurz vor WM-Beginn wurde dieses Krisenbewusstsein noch einmal zur Seite geschoben. „Und jetzt sind wir jäh aus diesen Träumen herausgerissen worden.“

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Historischer Rückblick: WM-Titel in Umbruchsphasen

Grünewald weist darauf hin, dass Deutschland immer dann Weltmeister wurde, wenn es sich in einer gesellschaftlichen Aufbruchsphase befand: 1954 beim „Wunder von Bern“ hatte das Wirtschaftswunder gerade eingesetzt. 1974 fiel in eine Zeit der demokratischen Erneuerung unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. 1990 war das Jahr der deutschen Einheit. „Und 2014 war der Höhepunkt der saturierten Merkel-Jahre, als wir uns gleichsam im Auenland wähnten. Jetzt dagegen sind wir in einer Situation, in der wir auf allen Ebenen spüren: Das Land ist blockiert.“

Wie kommt Deutschland aus dem Tief?

Grünewald betont: Erst brauche es eine Phase der Trauer und des Verarbeitens. „Abschied nehmen von dem Traum, dass wir eine grandiose WM spielen.“ Danach sei wichtig, „dass wir in eine Zeit des Erwachens kommen. Dass wir die Realitäten anerkennen und Probleme wirklich angehen. Das geht sicher nicht ohne schmerzhafte Veränderungen.“ Im besten Fall hätte das WM-Aus einen Schockeffekt mit heilender Wirkung. Was jetzt überhaupt nichts nütze, sei, mit dem Finger aufeinander zu zeigen und Schuldige durchs Dorf zu treiben. Aufbruchsstimmung erzeuge man nur, wenn man aufeinander vertraue und die Dinge mit einem klaren Ziel vor Augen gemeinsam anpacke. In der Politik setze das ein Gerechtigkeitsprinzip voraus – bei den Reformen müssten alle mitmachen, keiner dürfe ausgenommen werden.

BAP-Sänger Niedecken: „Wir waren einfach nicht gut genug“

BAP-Sänger Wolfgang Niedecken (75) hat eine schwere Nacht hinter sich. „Wir waren unterm Strich einfach nicht gut genug“, sagt er der dpa. „Aber klar, drei verschossene Elfmeter, das ist einfach zu viel. Da gibt's nichts zu beschönigen.“ Auf Trainer und Spieler einzudreschen, liege ihm nicht: „Das ist irgendwo ungerecht. Und billig.“ Er hat aber auch eine aufbauende Botschaft: „Was heißt hier alles depri? Ich bin zuallererst Fußball-Fan. An zweiter Stelle bin ich Fan des 1. FC Köln. Und an dritter Stelle Fan der Nationalmannschaft. Leute, in erster Linie geht es hier um Fußball. Und der Fußball ist nicht zu Ende. Die WM geht weiter. Ich freue mich noch auf viele schöne Spiele.“

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Politologe Falter: Rentenreform als Anfang

Politik-Professor Jürgen Falter sieht in der vergangenen Woche vorgestellten Rentenreform einen Anfang. „Wenn sie jetzt auch noch die Einkommenssteuer-Reform hinbekommen, dann könnte das Fußball-Debakel bald schon in Vergessenheit geraten – dann wäre das nur noch ein böser Traum in einer viel zu heißen Sommernacht.“