TV-Experten bei der Fußball-Weltmeisterschaft lassen aus alter Verbundenheit die nötige Distanz zur deutschen Nationalmannschaft vermissen. Statt kritischer Analysen herrscht oft Kumpelmentalität, wie ein Kommentar von Martin Einsiedler im Tagesspiegel zeigt.
Experten mit persönlichen Bindungen
Die öffentlich-rechtlichen Sender und MagentaTV haben zahlreiche ehemalige Profis als Experten verpflichtet: Bastian Schweinsteiger, Robin Gosens, Thomas Hitzlsperger, Per Mertesacker, Christoph Kramer, Christian Streich, Jürgen Klopp, Thomas Müller, Mats Hummels und Tabea Kemme. Sie erklären Fachbegriffe wie Tiefenläufe, Gegenpressing oder das Besetzen von Halbräumen. Doch vielen fällt es schwer, kritisch über die aktuelle Nationalmannschaft zu sprechen, weil sie die Spieler persönlich kennen oder mit ihnen gespielt haben.
„Wir fühlen uns als part of the Team“
Jürgen Klopp sagte bei Magenta: „Wir fühlen uns als part of the Team – inoffiziell. Wir sind komplett auf eurer Seite.“ Diese Nähe führt dazu, dass Kritik vermieden wird, um die alten Kameraden nicht zu verärgern. Nach der Niederlage gegen Ecuador wurde Robin Gosens gefragt, ob man sich Sorgen machen müsse. Seine Antwort: „Neiiiiiiiiiin.“
Schweinsteiger umschmeichelt Nagelsmann
Bastian Schweinsteiger fiel auf, indem er Bundestrainer Julian Nagelsmann überschwänglich lobte. Jede Entscheidung Nagelsmanns goutierte er mit „Völlig verständlich“ oder „Sehr, sehr richtig“. Als Manuel Neuer bei Gegentoren schwach wirkte, sprang Schweinsteiger ihm bei: „Kannst du wenig machen; er wird für uns noch wichtig werden.“ Der frühere Nationaltorhüter Sepp Maier sah das anders: „Da muss er sich an die eigene Nase fassen.“
Kramer sieht Deutschland als Titelfavoriten
Christoph Kramer vom ZDF erhob Deutschland nach einem 7:1 gegen Curaçao – ein Land, das viele vor der WM nur als Likör kannten – zum Titelfavoriten. „Diese Aktivität, diese vielen Tiefenläufe auch gegen schwache Teams – das mache bislang nur Deutschland“, so Kramer. Immerhin: Bei der Gesamtbewertung scheuen sich die Experten nicht vor Kritik. Klopp nannte die Leistung gegen Ecuador „falschen Fußball“. Doch konkrete Spielerkritik bleibt aus.
Zuschauer zwischen Fanbrille und Stummschalten
Den Zuschauern bleibt die Wahl, die distanzlose Berichterstattung durch die schwarz-rot-goldene Brille zu verfolgen oder den Ton abzuschalten. Vielleicht ist die eigene Einschätzung näher an der Wahrheit als die der hochdekorierten Experten.



