Die Redaktion des Tagesspiegels hat für dieses heiße Wochenende die Preise der Berliner Freiluftlokale geprüft, Kurztrips recherchiert und die Höhepunkte der Fête de la Musique zusammengestellt. Hier kommen die Empfehlungen für alle, die zu den Schweißperlen etwas Kultur genießen möchten.
1. Ausflug: Kino und Kulinarik in Neuhardenberg
Der Park Neuhardenberg wurde nach Plänen von Peter Joseph Lenné durch Hermann Fürst von Pückler und John Adey Repton angelegt. In Japan sind Ramen ein Stück Popkultur – es gibt TV-Shows, Magazine, Datenbanken, Museen und Journalisten, die sich nur mit der Nudelsuppe beschäftigen. Auch Berlin hat der Trend längst erreicht, und an diesem Wochenende schwappt er bis nach Neuhardenberg. Im Rosengarten serviert Berlins Starkoch The Duc Ngo ein Menü rund um die japanisch inspirierte Nudelsuppe. Kuratiert wurde der Abend von Dieter Kosslick, dem die Verbindung zwischen Kino und Kulinarik bereits als Berlinale-Chef eine Herzensangelegenheit war. Um 17:30 Uhr spricht er mit The Duc Ngo, dem Food-Journalisten Stevan Paul und der Japanologin Cornelia Reiher, die an der FU zur asiatischen Gastroszene Berlins forscht, darüber, warum Ramen heute für eine neue, weltoffene Esskultur stehen. Bevor der Abend mit dem Filmklassiker „Tampopo“ endet, spielen Helena Basilova, Jeffrey Bruinsma und Amber Docters van Leeuwen Musik aus Ryuichi Sakamotos Album „1996“. Bei gut einer Stunde mit dem Auto und etwa 2,5 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist auch ein spontaner Ausflug möglich.
2. Ausstellung: Walter Schels – 16° Fische. Retrospektive
Nach seiner Rückkehr aus New York nach Deutschland wurde Walter Schels (*1936) ab 1970 durch seine sensibel-sachlichen Porträts von bekannten Persönlichkeiten, aber auch von Tieren, zu einem der wichtigen Fotografen Deutschlands. Seine erste große Berliner Retrospektive „16° Fische“ zeigt nun auch seine experimentellen Arbeiten. Am Sonntag um 16 Uhr ist Schels zu Gast im „Zeit“-Live-Podcast „Und was machst Du am Wochenende?“. Parallel eröffnet die Ausstellung „The Lure of the Image“ mit Werken zum Thema „digitale Verführung“.
3. Komische Oper: „Zar und Zimmermann“
An deutschen Opernbühnen war die Verwechslungskomödie von Albert Lortzing lange ein beliebtes Repertoirestück. Ab den 1970er Jahren kam „Zar und Zimmermann“ jedoch immer mehr aus der Mode – was wohl nicht zuletzt an den langen Dialogen lag. An der Deutschen Oper befreien der Regisseur Martin G. Berger und der Dirigent Antonello Manacorda das Werk nun vom Staub der Zeit und legen seinen humoristischen Kern frei. „Wir stellen uns in verschiedene Traditionen, um im Heute anzukommen“, sagt Berger. Wie in Franz Lehárs populärer Operette „Die lustige Witwe“ kommt auch hier ein fiktiver Staat ins Spiel. Der Zar, der auf einer Werft in den Niederlanden als Zimmermannsgeselle anheuert, um unerkannt zu spionieren, herrscht bei Berger über das Fantasiereich Schirikistan. Anspielungen an Russland wurden angesichts der Weltlage bewusst vermieden. Die Figur der Marie, die sich in einen Geflüchteten verliebt, passt nach Ansicht von Berger aber bestens in unsere heutige Zeit. „Sie ist eine beeindruckende Frauenfigur, die sehr frech und direkt auftritt.“ Verkörpert wird sie von der ausdrucksstarken Sopranistin Nadja Mchantaf. Die Männer in dem Stück erscheinen dagegen eindeutig als Trottel, wobei jeder von ihnen letztlich doch noch seine guten Seiten zeigt.
4. Revue: Mokka-Hits und Milchbar-Träume
Dass die Zeit für mehr Liebe zu den kulturellen Errungenschaften des versunkenen Arbeiter- und Bauernstaates reif ist, haben Regisseur Axel Ranisch und Musikchef Adam Benzwi an der Komischen Oper schon einmal mit Gerd Natschinskis Operette „Messeschlager Gisela“ gezeigt. Natürlich ist Thomas Natschinskis Schlager „In der Mokka-Milch-Eisbar“ in der neuen Revue „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ der Komischen Oper unverzichtbar. Stilistisch orientiert sich Axel Ranisch, Jahrgang 1983, am Fernsehmuseum in seinem Kopf, genauer gesagt am Bühnenglamour der DDR-Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“. „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ ist eine Gratwanderung aus nostalgischem Schmelz, schräger Persiflage und melodramatischen Tönen. Manchmal bleibt das Lachen im Hals stecken. Musikalisch reicht die Spanne von Helga Hahnemann über Reinhard Lakomy bis zu Wolf Biermann, Hanns Eisler und Manfred Krug. Und auch das tolle Defa-Filmmusical „Heißer Sommer“ nimmt breiten Raum ein.
5. Tag der offenen Tür in der Philharmonie
Erstaunlich, wie modern die 1963 eröffnete Philharmonie noch heute ist. Der von Architekt Hans Scharoun terrassenartig angelegte Konzertsaal mit dem Orchester in der Mitte ist Vorbild für Häuser weltweit. Es ist nicht nur architektonisch spannend, wenn das Haus zum Tag der offenen Tür lädt. Neben einem Kinderprogramm und Führungen gibt es natürlich auch Musik beim Eröffnungskonzert um 11:30 Uhr und einem Orgelkonzert mit Jan Liebermann um 12:30 Uhr. Zudem kann eine Probe der Philharmoniker unter Kirill Petrenko besucht werden (14:30 Uhr). Die Konzerte mit Werken von Tschaikowsky folgen um 16:30 und 18 Uhr.
6. 5. Koscheres Streetfood-Festival
Auf dieses Event bereitet man sich am besten generalsstabsmäßig vor: leichtes Abendbrot am Tag vorher, kein Frühstück. Vor Ort ein schneller Gang über den Hof zur Orientierung. Und dann beim ersten Kaffee die Planung des Menüs: Vielleicht zuerst Sabich (Wrap mit gebratenen Auberginen, Essiggurke und Ei) oder georgisches Schaschlik, dann nepalesische Momos, gefolgt von Granatapfelsaft und Wüsten-Mokka, später belgische Waffeln. Alles schafft man eh nicht: Das 5. Koschere Streetfood-Festival bietet mehr als 50 Foodtrucks. Mit denen reist man kulinarisch von Afrika über die USA und Asien bis nach Europa. Außerdem: Comedy, Pantomime und ein „Frag den Rabbi“-Stand.
7. Für die ganze Familie: Museumsfest im Nikolaiviertel
Dem musealen, traurigen Rest von Alt-Berlin stellen sich die Anwohner des Nikolaiviertels zusammen mit dem Stadtmuseum entgegen. Angedockt an die Fête de la Musique gibt es beim Museumsfest Aktionen für die ganze Familie, bei denen Andenken an den schönen Tag entstehen und viel Wissenswertes hängenbleibt. In zahlreichen Führungen erfährt man etwa, warum Frauen einst ihren Goldschmuck abgaben und mit stolzgeschwellter Brust Eisenbroschen trugen. Biedermeierhüte und Fächer werden gefaltet und dienen der Abkühlung. Und Auftritte vom arabischen Chor Women in Harmony, den queeren QuerChorallen und Breakdancer:innen vertreiben jeglichen Anflug von Preußen-Patriotismus durch Weltoffenheit.
8. Weird Pop: Aldous Harding
Die singende Rätselkönigin aus Neuseeland ist zurück. Auf ihrem jüngsten Album „Train on the Island“ gibt sich Aldous Harding genauso enigmatisch wie auf früheren Werken. Ihre Texte bestehen aus Gedankenfetzen, Assoziationen und surrealen Traumnotizen und tragen zur entrückten Atmosphäre ihrer elfenhaften Folkpop-Variationen entscheidend bei. Schon bei ihrem zauberhaften Indie-Hit „The Barrel“ aus dem Jahr 2019 blieb unklar, ob die suggestiven Verse eine Metapher für Schwangerschaft, feministische Vulnerabilität oder die forensische Rekonstruktion eines alten Kriminalfalls darstellten. Dass Harding im Video den allerseltsamsten Alientanz darbot, machte das Ganze nur noch verführerischer. Auch ihre neuen Stücke transportieren diesen extraterrestrischen Vibe, der sie, neben ihrer US-Kollegin Weyes Blood, zur faszinierendsten Figur im zeitgenössischen Songwriter-Pop macht.
9. Oper: Pelléas et Mélisande
Toll, wenn Repertoirevorstellungen so luxuriös besetzt werden können. Claude Debussys faszinierende, rätselhaft-symbolistische Oper „Pelléas et Mélisande“ mit Magdalena Kožená, Anne Sophie von Otter, Thomas Blondelle und Simon Keenlyside wird von François-Xavier Roth dirigiert. Ruth Berghaus’ letzte Regiearbeit an der Berliner Staatsoper zeichnet die latente Bedrohung, das permanente Gefühl des Unwohlseins aus, das sich über Hartmut Meyers Bühne transportiert, die unbequemen Haltungen der Sänger:innen beispielsweise auf einer Kugel oder steilen Treppe provoziert. Eine der wenigen Gelegenheiten, eine Operninszenierung der legendären Regisseurin zu erleben.
10. Sommer Berlinale
Hier kommt eine zweite Chance: Vier Tage lang kann man Filme nachholen, die man bei der Berlinale verpasst hat. Und zwar nicht im eklig kalten Februar und der hässlichen Uber Eats Music Hall, sondern in einer hoffentlich lauen Sommernacht, im Liegestuhl. Zur Auswahl stehen bei der Sommer-Berlinale vier Filme: der gefeierte Eröffnungsfilm „No Good Men“ (21.6.) der in Hamburg lebenden Filmemacherin Shahrbanoo Sadat, der britische Jugendfilm „Sunny Dancer“ (22.6.) über einen Sommer in einem „Chemo-Camp“ für krebskranke Kids, „Lola und Bilidikid“ (23.6.), der von einer Truppe türkischer Dragqueens erzählt, und „Staatsschutz“ über den Kampf einer jungen Staatsanwältin gegen rechte Gewalt (24.6.).



