Drei Nächte mit tödlichen Angriffen
Im April wurden neun Schafe des Outdoor-Zentrums-Lahntal bei Greifenstein in drei aufeinanderfolgenden Nächten von Wölfen gerissen. Betreiber Manfred Köhnlein zeigt Handyfotos der blutigen Kadaver, die er morgens einsammelte. Heute hält er nur noch drei Ouessantschafe in einem Stall mit kleinem Gatter; die große Wiese am Waldrand ist tabu. Die verängstigten Tiere ließen sich abends nicht mehr einfangen, und über Nacht draußen zu lassen sei wie ein gedeckter Tisch für den Wolf, so Köhnlein.
Kein Wolfsschutzzaun aus Platz- und Kostengründen
Köhnlein verzichtet auf einen Wolfsschutzzaun. Das Gelände umfasst mehrere Hektar, und Kindergärten sowie Schulklassen besuchen den Betrieb. Stromführende Zäune seien mit Ausflügen nicht vereinbar, der Aufwand und die Kosten hoch. Auch der Wildwechsel wäre beeinträchtigt. Der Druck auf den Betrieb wächst: Manche Eltern lassen ihre Kinder aus Sorge nicht mehr übernachten, Schulklassen kommen nur noch tagsüber. Buchungen sind mau, was aber auch an der Inflation liegen könnte.
Häme im Netz und persönliche Betroffenheit
Auf Social Media liest Köhnlein hämische Kommentare wie „Schafe im Wald halten“. Dabei hätten die Tiere jahrelang friedlich auf der Wiese gegrast. Der gelernte Schreiner hat viel Arbeit in den Aufbau gesteckt und ist noch nicht lange von einer schweren Krankheit genesen. Er fühlt sich überfordert. Instrumentalisieren lassen will er sich weder von Wolfsbefürwortern noch -gegnern: „Der Wolf ist ein Tier und hat einfach Hunger.“ Die Wiederansiedlung vertrage sich aber nicht mit der dichten Besiedlung in Deutschland und Hessen.
Abschusspläne und juristische Hürden
Der hessische Wolfsmanagementplan sieht die „Entnahme“ von Wölfen vor. Das Regierungspräsidium Kassel erließ eine Allgemeinverfügung, die in der laufenden Jagdzeit bis Ende Oktober den Abschuss von zwei Jungwölfen in Greifenstein erlaubt. Drei Umwelt- und Wolfsschutzverbände, darunter der BUND, klagten vor dem Verwaltungsgericht Kassel. Der BUND kritisierte den Plan als „Bekämpfungsplan“. Das Gericht stoppte die Abschüsse vorläufig durch Eilanträge.
Nabu: Herdenschutz ist Pflicht
Ein Sprecher des Nabu Hessen kann Köhnleins Bedenken gegen Schutzzäune nicht ganz nachvollziehen und bietet Beratung an. Für Tierhalter sei klar, dass die Wiederansiedlung des Wolfes Änderungen in der Landschaftsnutzung mit sich bringe. „Ohne Herdenschutz geht es nicht.“ Schafhalter müssten unterstützt und der Herdenschutz vom Land gefördert werden.
Bürgermeisterin: Thema belastet Menschen
Greifensteins Bürgermeisterin Marion Sander (parteiunabhängig) will neutral bleiben, kann aber beide Seiten verstehen. „Ich muss mich an die gesetzlichen Grundlagen halten.“ Im Juni erlebte sie einen Schlagabtausch bei der Veranstaltung „Der Wolf in Mittelhessen“. Sie sieht Grenzen überschritten, wenn Jäger im Netz bedroht und Feldwege versperrt werden. „Mir macht Sorgen, dass so ein Thema die Menschen so belastet.“



