Eine neue Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) legt nahe, dass Übergewicht und Fettleibigkeit für deutlich mehr Krebserkrankungen verantwortlich sein könnten als bislang angenommen. Die Untersuchung, die Daten von fast einer halben Million Menschen auswertete, kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als zehn Prozent aller Krebsfälle mit überschüssigem Körperfett in Verbindung stehen könnten. Frühere Schätzungen lagen bei lediglich zwei bis acht Prozent.
Umfangreiche Datenanalyse der UK-Biobank
Für die Studie analysierte ein Forschungsteam um den Epidemiologen Hermann Brenner die Daten von 458.543 Menschen aus der britischen UK-Biobank. Die Teilnehmenden wurden im Median fast zwölf Jahre lang beobachtet. In diesem Zeitraum wurden 50.136 neue Krebserkrankungen registriert. Das durchschnittliche Alter der Probanden lag zu Beginn bei 57 Jahren, 53,3 Prozent waren Frauen.
Das Besondere an der Untersuchung: Die Wissenschaftler verglichen verschiedene Maße für Körperfett und Fettverteilung, nicht nur den Body-Mass-Index (BMI), der in den meisten früheren Studien verwendet wurde.
BMI als alleiniger Maßstab unzureichend
Der BMI wird seit Jahrzehnten genutzt, um Über- oder Untergewicht zu bestimmen, indem das Gewicht ins Verhältnis zur Körpergröße gesetzt wird. Allerdings wird der BMI häufig kritisiert, da er nicht zwischen Muskel- und Fettmasse unterscheiden kann und keine Aussage über die Fettverteilung trifft. Gerade das Fett im Bauchraum gilt als besonders stoffwechselaktiv und steht im Zusammenhang mit Entzündungsprozessen, die Krebs begünstigen können.
Die Forscher verwendeten daher auch den Taillenumfang und das Taille-Hüft-Verhältnis. Dabei zeigte sich: Diese Maße ergaben stärkere Zusammenhänge mit dem Krebsrisiko als die klassischen BMI-Kategorien.
Anteil der Krebserkrankungen durch Übergewicht steigt auf 11,5 Prozent
Wurde der BMI nach den üblichen Kategorien ausgewertet, lag der geschätzte Anteil der Krebserkrankungen, die auf Übergewicht zurückzuführen sind, bei 5,5 Prozent. Berücksichtigte man jedoch den Taillenumfang und teilte die Teilnehmenden in vier Gruppen ein, stieg der Anteil auf 11,5 Prozent. Damit wäre mehr als jede zehnte Krebserkrankung betroffen.
Gewichtsverlust vor Diagnose verzerrt Ergebnisse
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie: Die Forscher berücksichtigten, dass eine Krebserkrankung bereits vor der Diagnose zu Gewichtsverlust führen kann. Eine Person mit einem noch nicht erkannten Tumor könnte zu Studienbeginn bereits abgenommen haben, was den statistischen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs abschwächt. Die Wissenschaftler schlossen daher schrittweise die ersten Jahre nach Studieneintritt aus – der Zusammenhang wurde dadurch stärker.
Höheres Risiko bei größerem Taillenumfang
Beim individuellen Krebsrisiko zeigte sich ein klarer Zusammenhang mit der Fettverteilung. Probanden mit dem größten Taillenumfang hatten ein um 27 Prozent höheres Krebsrisiko als jene mit dem geringsten. Beim Taille-Hüft-Verhältnis lag der Unterschied bei 25 Prozent. Die Forscher betonen jedoch, dass die Zahlen statistische Vergleiche zwischen Gruppen darstellen und nicht bedeuten, dass ein bestimmter Taillenumfang zwangsläufig zu Krebs führt. Das Risiko nahm mit zunehmendem Körperfett schrittweise zu.
Frauen und jüngere Menschen stärker betroffen
Die Auswertungen zeigten Unterschiede zwischen den Gruppen: Bei Frauen war der Zusammenhang zwischen erhöhtem Körperfett und Krebs stärker als bei Männern. Auch bei Menschen unter 60 Jahren war der Zusammenhang deutlicher als bei älteren Teilnehmenden. Allerdings waren nicht alle Unterschiede statistisch in gleicher Weise nachweisbar.
Einschränkungen der Studie
Die Untersuchung basiert auf Beobachtungsdaten, die Zusammenhänge, aber keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen belegen können. Die Autoren weisen auf Einschränkungen hin: Die Teilnehmenden der UK-Biobank sind im Durchschnitt gesünder und sozial weniger benachteiligt als die Gesamtbevölkerung. Zudem wurde das Körpergewicht nur zu Beginn der Studie erfasst. Die Ergebnisse sind daher nicht ohne Weiteres auf jede Bevölkerung übertragbar.
Dennoch sehen die Forscher einen wichtigen Hinweis: Frühere Schätzungen könnten den Einfluss von Übergewicht auf das Krebsrisiko unterschätzt haben. „Da die Verbreitung des Übergewichts in den meisten Ländern weiter zunimmt und die Bevölkerung gleichzeitig altert, dürfte die Zahl der dadurch verursachten Krebserkrankungen künftig weiter deutlich steigen“, sagt Hermann Brenner laut DKFZ-Mitteilung. Effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung von Übergewicht könnten daher einen größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bisher angenommen.



