Eine neue Studie der Michigan State University liefert erstmals konkrete biologische Hinweise darauf, warum Frauen häufiger und länger unter Schmerzen leiden als Männer. Im Fokus steht der Botenstoff Interleukin-10 (IL-10), der von Immunzellen produziert wird und entzündungshemmend wirkt. Die Ergebnisse wurden an Mäusen und in einer ergänzenden Humanstudie mit 245 Unfallopfern gewonnen.
Immunzellen steuern die Schmerzauflösung
In Tierexperimenten lösten die Forscher Entzündungen und traumatische Verletzungen bei Mäusen aus. Männliche Tiere bauten ihre Schmerzen deutlich schneller ab als weibliche. Entscheidend war die Anzahl der IL-10-produzierenden Monozyten in der Haut: Je mehr dieser Immunzellen vorhanden waren, desto rascher klangen die Beschwerden ab. Das freigesetzte IL-10 wirkte direkt auf Nervenzellen und schwächte die Weiterleitung von Schmerzreizen.
Eine Schlüsselrolle spielten männliche Sexualhormone, sogenannte Androgene. Sie steigerten sowohl die Anzahl als auch die Aktivität der Monozyten. Wurden die Androgenrezeptoren blockiert oder IL-10 entfernt, verzögerte sich die Schmerzauflösung signifikant. Zusätzlich kurbelte der Botenstoff Resolvin D1 die IL-10-Produktion bei beiden Geschlechtern an.
Bestätigung durch Humandaten
Das Team wertete ergänzend Daten von 245 Personen aus, die nach traumatischen Unfällen – meist Verkehrsunfällen – behandelt wurden. Die Betroffenen bewerteten ihre Schmerzen über Wochen auf einer Skala von 0 bis 10. Parallel wurden Blutproben analysiert. Auch hier zeigte sich: Männer berichteten über eine schnellere Schmerzabnahme als Frauen. Gleichzeitig wiesen sie höhere IL-10-Spiegel und einen größeren Anteil an Monozyten im Blut auf. Höhere IL-10-Werte waren statistisch mit einer stärkeren Schmerzreduktion verknüpft.
Die Analyse deutet darauf hin, dass IL-10 den Zusammenhang zwischen Monozyten und Schmerzverlauf vermittelt. Die Schmerzexpertin PD Dr. Bäumler vom LMU Klinikum sprach auf Nachfrage von FITBOOK von „ersten Hinweisen“, dass die Mechanismen aus dem Tiermodell auch beim Menschen relevant sein könnten. Zugleich betont sie, dass Schmerz ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren ist.
Grenzen der Studie und Ausblick
Die Autoren weisen darauf hin, dass sich Tierergebnisse nur begrenzt auf den Menschen übertragen lassen. In der Humanstudie wurden Zusammenhänge beobachtet, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Zudem unterschieden sich Art und Ort der Verletzungen. Die Arbeit liefert damit keinen einfachen Erklärungsansatz, aber einen konkreten biologischen Baustein für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Schmerzauflösung.



