Ein einfacher Bürstenabstrich könnte die Diagnose von Mundkrebs revolutionieren. Ein neuer Test namens qMIDS, der auf einer PCR-Analyse basiert, erkennt Tumore in weniger als einer Stunde und könnte in vielen Fällen eine schmerzhafte Gewebeentnahme überflüssig machen. Das geht aus einer Studie hervor, die im Fachjournal „Biomarker Research“ veröffentlicht wurde.
Bürstentest statt Biopsie: Schonende Alternative bei Mundkrebsverdacht
Bislang müssen Ärzte bei verdächtigen Veränderungen im Mund oft eine Biopsie durchführen, bei der ein kleines Stück Gewebe entnommen und im Labor untersucht wird. Dieser Eingriff ist schmerzhaft und kann zu Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen führen. Ein Forschungsteam um Muy-Teck Teh von der Queen Mary University of London hat nun einen schonenderen Test entwickelt: Statt zu schneiden, wird mit einer sterilen Bürste über die verdächtige Stelle gestrichen. Der Bürstenkopf wird mehrfach gedreht, um genügend Zellen von der Schleimhaut zu lösen. Die Probenentnahme dauert weniger als fünf Minuten.
Anschließend wird die Probe mittels PCR analysiert – eine Methode, die vielen aus der Coronapandemie bekannt ist. Der qMIDS-Test untersucht die Aktivität von vier Genen, die Hinweise auf Mundkrebs geben können. Die Auswertung im Labor dauert weniger als eine Stunde.
Hohe Genauigkeit: 95,5 Prozent Treffsicherheit
Das Forschungsteam testete das Verfahren an 545 Patientinnen und Patienten mit verdächtigen Veränderungen der Mundschleimhaut. Die Ergebnisse waren überzeugend: Der Bürstentest erreichte eine Genauigkeit von 95,5 Prozent. Die Sensitivität lag bei 95,7 Prozent, das heißt, der Test erkannte die meisten tatsächlich vorhandenen Krebserkrankungen. Die Spezifität betrug 95,1 Prozent – gutartige Veränderungen wurden also in den meisten Fällen korrekt als unbedenklich eingestuft.
Weniger präzise war das Verfahren, wenn auffällige und unauffällige Schleimhautstellen innerhalb desselben Mundraums verglichen wurden: Die Genauigkeit sank auf rund 84 Prozent. Dennoch könnte der Test laut den Forscherinnen und Forschern helfen, mehr als 90 Prozent unnötiger Biopsien zu vermeiden, indem er Patienten mit geringem Krebsrisiko frühzeitig identifiziert.
Expertenstimmen: „Leistung vergleichbar mit Mikro-Biopsie“
„Wir waren wirklich erstaunt, dass die Leistung des Bürstenabstrichs mit der einer Mikro-Biopsie vergleichbar ist“, sagte Studienleiter Muy-Teck Teh, Professor für molekulare orale Onkologie an der Queen Mary University of London. Das Ergebnis deute darauf hin, dass sich die Veränderungen in der Aktivität der vier untersuchten Gene bereits in oberflächlichen Zellen der Mundschleimhaut zuverlässig nachweisen lassen.
Besonders nützlich könnte der Bürstentest für Menschen sein, die dauerhaft auffällige Schleimhautstellen haben. Solche Veränderungen bleiben häufig über lange Zeit harmlos, können sich aber in Einzelfällen zu Krebs entwickeln und müssen daher regelmäßig kontrolliert werden. „Ärzte könnten gefährdete Patienten engmaschiger überwachen, ohne bei jeder Untersuchung erneut Gewebe entnehmen zu müssen“, erklärte Teh.
Kein vollständiger Ersatz für Biopsie
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bremsen die Forschenden allzu große Erwartungen. Der Bürstentest soll die klassische Biopsie nicht vollständig ersetzen, sondern als zusätzliches Diagnosewerkzeug dienen, das Ärzten hilft, verdächtige Veränderungen nach ihrem Risiko einzuordnen und besonders dringende Fälle schneller zu erkennen.
Noch ist qMIDS weder in Kliniken noch in Arztpraxen verfügbar. Nach Angaben des Forschungsteams wird derzeit ein kommerzieller Partner gesucht, um das Verfahren für den medizinischen Alltag weiterzuentwickeln. Die Entwickler gehen davon aus, dass der Test innerhalb von zwei Jahren einsatzbereit sein könnte.
Laut aktuellen Daten des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut (RKI) erkrankten im Jahr 2023 rund 12.880 Menschen in Deutschland neu an Krebs der Mundhöhle oder des Rachens. Die Früherkennung ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Der neue Bürstentest könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten.



