Ab 2027 werden Psychotherapiestunden nicht mehr verlässlich vergütet, sondern aus einem gedeckelten Topf bezahlt. Das beschloss der Bundestag kurz vor der Sommerpause. Eine Umfrage des „Aktionsbündnisses Psychotherapie“ ergab: 36 Prozent aller Praxen erwägen eine Schließung, 43 Prozent sind unentschlossen. Nur 12 Prozent des Nachwuchses sind sicher, eine Kassenpraxis zu gründen. Betroffen sind 74 Millionen gesetzlich Versicherte.
Drastische Kürzungen und fehlende Planungssicherheit
Die Psychotherapeutinnen Eva Stahl und Amelie Festag aus Berlin sind entsetzt. „Wir sind die, zu denen man als gesetzlich Versicherter mit der Karte kommt“, erklärt Stahl. Doch das könnte sich bald ändern. Bereits im März gab es Honorarkürzungen um 4,5 Prozent. Das Beitragsstabilisierungsgesetz sieht nun eine Budgetierung vor. „Der Wegfall der Angemessenheitsüberprüfung bedeutet, dass wir absolut keine finanzielle Planungssicherheit mehr haben“, sagt Festag. Sie ließ sich Anfang 2025 mit einem Kassensitz nieder – ein Investment, das Banken zuvor als risikolos betrachteten. „Jetzt, mit den ‚Verbesserungen‘ zum Beitragsstabilisierungsgesetz, trifft der Begriff ‚Todesstoß‘ wirklich zu“, so Festag.
Widerstand und Engagement
Stahl und Festag wollen weiter demonstrieren und Abgeordnete anschreiben. „Ich habe nach der namentlichen Abstimmung nachgeschaut, wer dafür und wer dagegen gestimmt hat. Ich werde den Mitgliedern der Regierungsparteien schreiben, die für das Gesetz gestimmt haben“, bekräftigt Festag. Beide rechnen mit Nachverhandlungen, da das Gesetz in den Durchführungsbestimmungen ungenau ist. Die Chance liege im berufspolitischen Engagement, sich zu vernetzen und eine starke Lobby zu bilden.
Lange Wartezeiten und steigende Nachfrage
Bereits jetzt beträgt die durchschnittliche Wartezeit vom Erstgespräch bis zum Therapiebeginn 142 Tage. Die Budgetierung wird die Situation verschärfen. „Ich fürchte, wir sparen an der falschen Stelle und werden stattdessen mit steigenden Fehlzeiten, Produktivitätsverlust und einem Anstieg stressbedingter körperlicher Erkrankungen zahlen“, warnt Antje Croseck, Executive Coach und Organisationsentwicklerin mit 25-jähriger Erfahrung. Sie beobachtet, dass Klienten zunehmend mit körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen und Schlafstörungen kommen, die eine begleitende Psychotherapie erfordern.
Existenzielle Bedrohung für Praxen
Eva Stahl, deren Kredit abbezahlt ist, fühlt sich existenziell bedroht. „Wir machen ein Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus, noch nicht mal, und wir werden massiv gekürzt“, sagt sie. Die Zahl der Selbstzahler werde steigen, und jede Praxis müsse kalkulieren: „So und so viele gesetzlich Versicherte kann eine Praxis sich leisten, der Rest wird mit Selbstzahlern gefüllt. Das ist ein Desaster.“ Stahl betont, dass früher jeder eine gute Psychotherapie bekommen konnte – „das ist vorbei.“
Auswirkungen auf Ausbildung und Nachwuchs
Trotz der schwierigen Lage ermutigt Stahl Auszubildende weiterzumachen: „Die Psychotherapie ist eine großartige und mitunter lebenswichtige Arbeit. Wir brauchen gut ausgebildete Psychotherapeuten!“ Festag rät ebenfalls, die Ausbildung fortzusetzen, auch wenn künftig weniger gesetzlich Versicherte behandelt werden können. „Dadurch, dass die Angemessenheitsprüfung wegfällt, sind unsere Honorare nach unten nicht mehr abgesichert. Es könnte sich wirklich nicht mehr lohnen, für gesetzlich Versicherte zu arbeiten“, befürchtet sie. Sie selbst denkt über alternative Angebote nach, um ihre Praxis zu erhalten.
Gesellschaftliche Folgen und falsches Menschenbild
Die Therapeutinnen kritisieren das zugrunde liegende Menschenbild: „Nicht nur, dass die Wertschätzung für unseren Berufsstand angegriffen wird, auch für alle, die sich vielleicht mal schwach gefühlt haben, ist es ein Schlag ins Gesicht“, sagt Festag. Sie verweist auf die psychotherapeutische Sprechstunde, die seit 2017 wirksam Bedarf prüft. „Wir nehmen nicht jemanden auf, der nur ein paar Problemchen hat.“ Stahl ergänzt: „Als ob man freiwillig krank wäre! Als ob man gern seelisch krank wäre und ganz gemütlich zu seiner Therapie geht.“ Die steigende Suizidrate zeige, dass Deutschland eher mehr Psychotherapie brauche.
Zusammenarbeit und Lobbyarbeit
Festag und Stahl setzen auf Solidarisierung und gemeinsamen Kampf. „Die Budgetierung könnte bedeuten, dass wir untereinander und mit anderen Facharztgruppen konkurrieren. Da ist es besser, eine starke Lobby zu bilden“, so Festag. Sie wollen nicht nur protestieren, sondern auch konstruktiv an Lösungen arbeiten: „Vermarktung, Konzepte, Pricing – unsere Berufsgruppe muss anfangen, unternehmerischer zu denken.“ Die Zukunft der Psychotherapie in Deutschland steht auf dem Spiel – für Therapeuten und Patienten gleichermaßen.



