Bundestag debattiert über Organspende: Widerspruchslösung oder nicht?
Bundestag debattiert über Organspende: Widerspruchslösung?

Am Donnerstag debattiert der Bundestag über die Zukunft der Organspende in Deutschland. Im Zentrum steht die Frage, ob die sogenannte Widerspruchslösung eingeführt werden soll. Diese würde bedeuten, dass jeder nach dem Tod automatisch als Organspender gilt, es sei denn, er hat zu Lebzeiten widersprochen. Die Debatte ist für viele Patienten existenziell, darunter Andreas Gässler aus Sigmaringen. Der 40-jährige gelernte Maschinenbautechniker leidet seit Geburt an einem Herzfehler, erlitt 2018 einen Herzstillstand und bekam ein Kunstherz eingesetzt. Seit 2019 steht er auf der Warteliste für ein Spenderorgan. „Hier steht auch mein Leben auf dem Spiel!“, appelliert er an die Politiker. „Endlos hält ein Kunstherz nicht.“

Deutschland Schlusslicht bei Organspenden in Europa

Deutschland gehört bei den Organspenden zu den Schlusslichtern in Europa. Während Patienten hierzulande bis zu zehn Jahre auf eine neue Niere warten, beträgt die durchschnittliche Wartezeit in Spanien nur zwei bis drei Jahre. Auch für andere Organe sind die Wartezeiten in Deutschland länger. Die traurige Bilanz: Viele Patienten sterben, bevor sie ein Organ erhalten. Ende 2024 standen rund 8.500 Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ. Im selben Jahr gab es lediglich 953 Spender und Spenderinnen.

Fraktionenübergreifende Initiative für Widerspruchslösung

Eine fraktionsübergreifende Gruppe um die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (62, CDU) hat eine Initiative zur Einführung der Widerspruchslösung gestartet. Diese gilt bereits in Ländern wie Spanien, Frankreich und Österreich. Unterstützung erhält Connemann von Grünen-Chefin Franziska Brantner (46). Brantner sagte zu BILD: „Jeden Tag sterben in Deutschland Menschen, weil ein Spenderorgan fehlt, obwohl 85 Prozent von uns spenden würden.“ Die Reform vor fünf Jahren, die unter anderem ein Online-Register für Organspenden einführte, aber keine Widerspruchsregelung, habe „einiges verbessert, aber längst nicht genug“. Jetzt müsse der Bundestag „den nächsten Schritt gehen“. „Noch immer warten über 8000 Menschen, und die Spenderzahlen reichen bei Weitem nicht aus“, so Brantner. Mit der Widerspruchslösung werde „jeder zum möglichen Lebensretter“, zugleich könne aber jeder „jederzeit frei und ohne Begründung Nein sagen“. Auch der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) unterstützt die Initiative. ASB-Bundesvorsitzender Knut Fleckenstein (72, SPD) erklärte gegenüber BILD: „Wir als Arbeiter-Samariter-Bund mit unseren mehr als 700 Pflegediensten erleben täglich, wie Menschen verzweifelt auf ein neues Organ warten.“ Deshalb setze sich der ASB für die Widerspruchslösung ein: „Jeder Mensch kann auch zukünftig frei entscheiden, ob er spenden möchte oder nicht, aber wegducken ist mit der Widerspruchslösung nicht mehr möglich.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Gegeninitiative setzt auf Aufklärung statt Widerspruchslösung

Doch nicht alle teilen diese Position. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci (52) und sein CDU-Kollege Michael Brand (52) haben eine fraktionsübergreifende Initiative gestartet, die die Widerspruchslösung ablehnt. Stattdessen setzen sie auf bessere Aufklärung und eine einfachere Registrierung für die Organspende. Auch Brand ist die geringe Spendezahl ein Dorn im Auge. Er sagte zu BILD: „Es macht nicht nur mich wütend, dass die Blockade von einfachen Schritten wie Kampagnen auf Social Media und schnelle Registrierung bei Kommunen und effektive Strukturen in den Krankenhäusern schon jetzt mutmaßlich viele Tote gekostet hat.“ Die Widerspruchslösung sei jedoch der falsche Weg: „Wenn es beim Datenschutz und überall positive Zustimmung braucht, dann muss das bei Eingriffen in unseren Körper erst recht gelten.“ Schweigen dürfe nicht einfach als Zustimmung interpretiert werden.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration