Dick gleich krank? Experten fordern neuen Umgang mit Adipositas
Dick gleich krank? Neue Sicht auf Adipositas

Seit Jahrzehnten gilt Übergewicht als einer der wichtigsten Risikofaktoren für zahlreiche Erkrankungen. Doch wie eng sind Körpergewicht und Gesundheit tatsächlich miteinander verbunden? Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein hoher Körperfettanteil nicht zwangsläufig bedeutet, dass ein Mensch krank ist.

Kritik am BMI: Eine falsche Zahl mit zu viel Macht?

Über Jahrzehnte schien die Sache einfach: Der Body-Mass-Index (BMI) wurde zum wichtigsten Maßstab für die Bewertung des Körpergewichts. Ärzte, Krankenkassen und Gesundheitspolitiker orientierten sich an einer Zahl, die aus Gewicht und Körpergröße berechnet wird. Doch laut der von Francesco Rubino geleiteten Lancet-Kommission reicht dieser Wert nicht aus, um die Gesundheit eines Menschen zu beurteilen. Die Forscher betonen, dass Menschen mit demselben BMI völlig unterschiedliche gesundheitliche Voraussetzungen haben können. Während einige bereits unter Atemnot, Herzproblemen oder eingeschränkter Beweglichkeit leiden, zeigen andere trotz eines hohen BMI keine auffälligen gesundheitlichen Einschränkungen. Hinzu kommt: Kraftsportler haben wegen ihrer Muskelmasse oft einen hohen BMI, sind aber fit. Nach Ansicht der Kommission sagt das Körpergewicht allein wenig darüber aus, wie gesund oder krank ein Mensch tatsächlich ist.

Übergewicht als Spektrum verstehen

Die aktuelle wissenschaftliche Debatte setzt genau an diesem Punkt an. Ist Adipositas grundsätzlich eine Krankheit oder lediglich ein Risikofaktor für spätere Erkrankungen? Laut der internationalen Lancet-Kommission lässt sich diese Frage nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Nach Auswertung der verfügbaren Daten kamen die Experten zu dem Schluss, dass Adipositas zwar eine Krankheit sein kann, aber nicht zwangsläufig sein muss.

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Die Forscher schlagen vor, zwischen einer klinischen und einer präklinischen Form zu unterscheiden. Von klinischer Adipositas sprechen sie, wenn überschüssiges Fettgewebe bereits nachweisbare Schäden verursacht oder Organfunktionen beeinträchtigt. Sind solche Einschränkungen noch nicht vorhanden, sprechen die Wissenschaftler von präklinischer Adipositas. Das Risiko für spätere Erkrankungen sei zwar erhöht, eine Krankheit liege jedoch noch nicht zwingend vor. Nach Angaben der Kommission könnte diese Unterscheidung helfen, Patienten gezielter zu behandeln und medizinische Entscheidungen stärker am tatsächlichen Gesundheitszustand auszurichten.

Fett ist nicht gleich Fett

Die Forschung zeigt inzwischen, dass nicht allein die Menge des Körperfetts entscheidend ist. Ebenso wichtig ist laut zahlreichen Studien, wo das Fett gespeichert wird und welche biologischen Prozesse es im Körper beeinflusst. Besonders Fettgewebe im Bauchraum steht mit Entzündungen, Stoffwechselstörungen sowie einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes in Verbindung. Gleichzeitig gibt es Menschen mit einem hohen Körperfettanteil, bei denen diese Prozesse kaum oder gar nicht auftreten. Die Lancet-Kommission sieht darin einen wichtigen Grund, warum sich die gesundheitlichen Folgen von Adipositas von Mensch zu Mensch deutlich unterscheiden können. Nach Auffassung der Experten sollte deshalb nicht das Gewicht allein im Mittelpunkt stehen, sondern die tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesundheit.

Historische Perspektive

Neu ist diese Diskussion nicht. Schon der griechische Arzt Hippokrates beobachtete vor mehr als 2000 Jahren Zusammenhänge zwischen Körperfülle und Gesundheit. Wie historische Analysen zeigen, betrachtete er Übergewicht jedoch nicht grundsätzlich als Krankheit. Auch spätere Mediziner beschäftigten sich mit der Frage, welche Folgen ein hoher Körperfettanteil für den Körper hat. Francesco Rubino erinnert in seinem Nature-Kommentar daran, dass Adipositas über lange Zeit als Spektrum unterschiedlicher Zustände verstanden wurde. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, Übergewicht vor allem über statistische Risiken zu definieren.

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Die zentrale Botschaft der Lancet-Kommission lautet: Dicksein und Kranksein sind nicht automatisch dasselbe. Laut den Forschern kann Adipositas sowohl ein Gesundheitsrisiko als auch eine Krankheit sein – abhängig davon, welche Auswirkungen das überschüssige Fettgewebe auf den einzelnen Menschen hat. Die Wissenschaftler plädieren für einen differenzierteren Blick auf das Thema. Eine Zahl auf der Waage oder ein BMI-Wert allein erzählen nur einen Teil der Geschichte. Wie gesund ein Mensch tatsächlich ist, entscheidet sich nicht am Gewicht, sondern an den Folgen, die es für seinen Körper hat.