Die Pläne der Bundesregierung, bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend zu machen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, stoßen bei chronisch kranken Menschen auf scharfe Kritik. Betroffene wie Melina Grützner, Lina Zeides und Ann-Christin Hoeltje berichten von ihren Ängsten und den praktischen Hürden, die diese Regelung für sie mit sich bringt.
Was die Regierung plant
Bundeskanzler Merz hat die Verschärfung der Krankschreibungsregeln angekündigt. Künftig soll für jeden Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung nötig sein, die nur nach persönlicher Vorstellung in der Praxis ausgestellt werden darf. Die telefonische Krankschreibung, die während der Pandemie eingeführt wurde, soll entfallen. Viele Details sind noch unklar, doch die Sorge bei Menschen mit chronischen Erkrankungen ist bereits jetzt groß.
Stimmen der Betroffenen
Lina Zeides (28) leidet an Multipler Sklerose und einer Konversionsstörung. Sie sagt: „Die Diskussion um eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zeigt für mich, wie weit manche Entscheidungen von der Lebensrealität der Betroffenen entfernt sind. Wenn ich nach einer Attacke komplett am Ende bin, soll ich mich dann auf den Weg zum Arzt machen? Es wäre für mich schlichtweg nicht mal möglich.“
Melina Grützner (31) hat Endometriose und Adenomyose. „Das Abschaffen der telefonischen Krankschreibung ist ein Schlag ins Gesicht für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Ich kann an manchen Tagen nicht mal aufstehen oder duschen, geschweige denn in eine Praxis fahren und dort unter geburtsähnlichen Schmerzen warten. Die Änderung fährt unser überlastetes Gesundheitssystem gegen die Wand.“
Ann-Christin Hoeltje (36) leidet an chronischer Migräne. „Wer glaubt, Menschen mit chronischer Migräne würden leichtfertig zu Hause bleiben, hat nicht verstanden, wie wir leben. Wir faken nicht krank. Wir faken gesund. Und genau deshalb trifft diese Maßnahme die Falschen und wird am Ende nur teurer, wenn wir statt einen Tag gleich drei Tage ausfallen.“
Folgen für den Arbeitsalltag
Alina Hammer (26) hat Diabetes Typ 1, Depression, Migräne und Endometriose. Sie befürchtet, dass die neue Regelung sie schwächen wird: „Ich habe diese Kulanztage fast nie genutzt und niemals ausgenutzt. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, dem man gar keine Selbsteinschätzung zutraut. Auf Dauer wird mich das eher schwächen, als meinen Arbeitgeber entlasten.“
Die Betroffenen fordern eine differenzierte Lösung, die die Lebensrealität chronisch kranker Menschen berücksichtigt. Statt einer pauschalen Attestpflicht ab Tag eins sollten Ausnahmen für bestimmte Erkrankungen oder die Beibehaltung der telefonischen Krankschreibung geprüft werden.



