Ab April können sich aktive und ehemalige starke Raucher im Alter zwischen 50 und 75 Jahren jährlich auf Kosten der Krankenkasse einer Computertomografie (CT) zur Lungenkrebs-Früherkennung unterziehen. Prof. Christian Taube, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Ruhrlandklinik Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, erläutert im Interview die Chancen und Grenzen des neuen Screenings.
Warum die Gemeinschaft die Kosten tragen sollte
Taube betont, dass Rauchen als Sucht und damit als Krankheit betrachtet werden müsse. „Wir dürfen den Menschen eine vielleicht lebensrettende Maßnahme nicht vorenthalten“, sagt er. Zudem seien die Behandlungskosten für fortgeschrittenen Lungenkrebs durch Immuntherapie, Chemotherapie oder Medikamente extrem hoch. „Es ist also möglich, dass durch Früherkennung und rechtzeitige Krebsbehandlung sowohl die direkten als auch die indirekten Kosten im Gesundheitssystem sinken.“ Die Radiologen erhalten für jedes Screening etwa 100 Euro von den Kassen.
Risikogruppen und Einschlusskriterien
Das Lungenkrebsrisiko steigt mit der Anzahl gerauchter Zigaretten erheblich. Auch nach einem Rauchstopp sinkt das Risiko, erreicht aber nie das Niveau von Nie-Rauchern. Die Früherkennung richtet sich an Personen mit mindestens 25 Packungsjahren (eine Packung pro Tag über 25 Jahre) und an Ex-Raucher, die vor maximal zehn Jahren aufgehört haben. Taube räumt ein: „Irgendwo musste man die Grenze ziehen. Und gerade nach zehn Jahren ist das Risiko schon deutlich reduziert.“ Allerdings zeigte eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), dass bei ehemaligen starken Rauchern, deren Rauchstopp elf bis 15 oder mehr Jahre zurückliegt, das Risiko im höheren Alter wieder auf ein Niveau steigen kann, bei dem ein Screening sinnvoll wäre. Die DKFZ-Studie spricht sich daher für eine risikoadaptierte Weiterentwicklung der Einschlusskriterien aus.
Warum Lungenkrebs so tödlich ist
Jährlich gibt es etwa 57.000 Neuerkrankungen. Der Tumor ist aggressiv und wird oft erst spät erkannt, wenn Symptome wie Husten, Bluthusten oder Luftnot auftreten. Dann ist er meist fortgeschritten und nicht mehr heilbar, häufig mit Metastasen in anderen Organen. „Die Früherkennung ermöglicht es, Lungenkrebs in einem sehr frühen Stadium zu entdecken und oft operativ zu behandeln“, erklärt Taube. In frühen Stadien können viele Betroffene langfristig tumorfrei werden. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt je nach Stadium bei 60 bis 80 Prozent, bei sehr kleinen Tumoren sogar über 90 Prozent.
Erfahrungen aus dem Modellprojekt in Essen
Taube berichtet von mehreren Fällen, in denen Tumore frühzeitig erkannt wurden, obwohl die Patienten keinerlei Beschwerden hatten. „Man kann vermuten, dass sie ohne Screening irgendwann mit einem weit fortgeschrittenen Tumor zum Arzt gegangen wären. Wir haben das Leben dieser Menschen gerettet.“ Bei auffälligen Befunden wird der Befund von einem zweiten Experten begutachtet. Besteht ein Verdacht auf Lungenkrebs, werden die Patienten an ein spezialisiertes Lungenkrebs-Zentrum überwiesen.
Risiken des Screenings: Strahlenbelastung und falsch-positive Befunde
Die CT-Untersuchung ist mit einer Strahlenbelastung verbunden. Modellrechnungen zufolge entwickeln weniger als drei von 1000 Frauen und etwa einer von 1000 Männern aufgrund der Strahlung eine bösartige Erkrankung. Dem stehen fünf von 1000 Frauen und sechs von 1000 Männern gegenüber, die durch das Screening vor dem Tod durch Lungenkrebs bewahrt werden könnten. „Die Vorteile des Screenings stechen die möglichen Nachteile aus“, so Taube. Zudem gibt es das Risiko falsch-positiver Befunde und von Überdiagnosen, also Tumoren, die nie klinisch relevant geworden wären. In der Nelson-Studie lag die Falsch-Positiv-Rate bei etwa 1,2 Prozent. Taube betont die Bedeutung erfahrener Radiologen, um Auffälligkeiten korrekt einzuordnen.
Verbindung mit Rauchentwöhnung
Auch aktive Raucher sollten am Screening teilnehmen, fordert Taube. „Vonseiten der Fachgesellschaft fordern wir, das Lungenkrebs-Screening bei aktiven Rauchern eng mit der Rauchentwöhnung zu verbinden. Denn es ist ein idealer Zeitpunkt. Menschen, die zum Screening gehen, beschäftigen sich schließlich mit ihrer Gesundheit.“
Warum in Deutschland noch immer so viele rauchen
Laut Bundesgesundheitsministerium rauchen elf bis zwölf Millionen Menschen in Deutschland. Taube kritisiert: „Beim Kampf gegen das Rauchen durch gesetzliche Maßnahmen liegt Deutschland in Europa auf den hinteren Plätzen. Bei vielen der von uns geforderten Maßnahmen bei Besteuerung oder Zugänglichkeit von Tabakprodukten gibt es Probleme mit der Umsetzung. Ich glaube, da brauchen wir noch mehr politische Diskussionen und auch mehr Druck.“



