Die erfolgreiche Lungentransplantation der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit hat die Diskussion über das Organspendesystem in Deutschland neu entfacht. Nach nur zwei Wochen auf der Warteliste erhielt sie eine neue Lunge – ein Kontrast zu den oft jahrelangen Wartezeiten hierzulande. Viele Akteure und Verbände hoffen nun, dass dieser Fall die Zahl der Organspender steigern könnte. Im Zentrum der Debatte steht die sogenannte Widerspruchslösung.
Was ist die Widerspruchslösung und wie läuft es derzeit?
Bei der Widerspruchslösung würde grundsätzlich jeder Mensch nach seinem Tod als Organspender gelten, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. Dies wäre ein Paradigmenwechsel zur aktuellen Entscheidungslösung in Deutschland, bei der der Verstorbene vor dem Tod aktiv der Organentnahme zustimmen muss. Laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stehen rund 84 bis 85 Prozent der Bevölkerung einer Organspende positiv gegenüber. Dennoch haben nur wenige ihre Einwilligung erteilt: Im zentralen Organspende-Register des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind aktuell 577.217 Personen registriert. Ein BfArM-Sprecher erklärte, dass es nach Mette-Marits Transplantation „keinen besonderen Effekt“ gegeben habe: „In den vergangenen Monaten lag die Zahl der wöchentlich abgegebenen Erklärungen konstant bei rund 5000 bis 6000.“ Zusätzlich besitzen laut BZgA etwa 40 bis 45 Prozent der Menschen einen klassischen Organspendeausweis.
Was wird im Bundestag diskutiert?
Am Donnerstag debattiert der Bundestag über die Organspende. Fraktionsübergreifend gibt es zwei Lager: Das eine befürwortet die Einführung der Widerspruchslösung, das andere will die Entscheidungslösung stärken, indem Bürger besser aufgeklärt und regelmäßig an ihre Entscheidung erinnert werden. Auch aus dem Bundesrat gibt es eine Initiative zur Widerspruchslösung. Bereits 2020 scheiterte ein Gesetzentwurf von Jens Spahn (CDU) und Karl Lauterbach (SPD), der eine doppelte Widerspruchslösung vorsah. Dabei hätten Angehörige befragt werden sollen, um den Willen des Verstorbenen zu belegen. Der Bundestag stimmte damals mit knapper Mehrheit dagegen. Lauterbach plädierte jüngst erneut für die Widerspruchslösung: „Organspenden könnten bei uns sehr viel leichter gehen. Fälle wie Mette-Marit könnten bei uns die Regel sein.“
Wie viele Organe wurden zuletzt transplantiert?
Die Zahl ist überschaubar: 2025 spendeten bundesweit 985 Menschen nach ihrem Tod Organe – statistisch 11,8 Spender pro einer Million Einwohner. In Norwegen, wo die Widerspruchslösung gilt, lag die Zahl bei 20 pro einer Million Einwohner. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war 2025 der höchste Stand seit 2012, dennoch warteten Ende des Jahres rund 8200 Menschen auf ein Spenderorgan.
Würde die Widerspruchslösung zu mehr Organspendern führen?
Das ist umstritten. In den Niederlanden stieg die Spenderzahl nach der Einführung 2018 von 16 auf etwa 18 pro einer Million Einwohner. In Spanien, wo die Widerspruchslösung seit 1979 gilt, verzeichnet das Land erst seit den 1990er Jahren hohe Zahlen (derzeit 50 Spender pro eine Million Bürger) – dort ist die Organspende gut organisiert.
Was sagen Politiker und Experten?
Der Patientenbeauftragte Stefan Schwartze (SPD) sagte: „Ich bin überzeugt, dass wir dringend einen Systemwechsel brauchen und die Widerspruchsregelung dafür sehr naheliegend ist. Ein Nein wird jederzeit und ohne Begründung respektiert.“ Auch Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt plädierte dafür: „Die Widerspruchslösung kann dazu beitragen, die Umsetzung des Patientenwillens zu erleichtern und Angehörige in schwierigen Entscheidungssituationen zu entlasten.“ Jutta Falke-Ischinger von der Initiative „Leben Spenden“ erklärte: „Die Beibehaltung der bisherigen Entscheidungslösung ist kein Ausdruck größerer Freiheit, sondern die Fortführung einer kollektiven unterlassenen Hilfeleistung. Wir sind trauriges Schlusslicht in Europa seit Jahrzehnten.“



