Vor wenigen Monaten begann Katharinas Tag noch im Büro einer Schweizer Bank. Heute beginnt er am Pflegebett ihrer 96-jährigen Oma Erika. Sie wäscht die Seniorin, wechselt ihre Windeln und püriert jede Mahlzeit, weil Erika keine Zähne mehr hat. Nachts ruft die 96-Jährige nach ihrer Enkelin – und Katharina ist sofort da. Die 29-jährige gelernte Bankkauffrau pflegt ihre Großmutter seit Monaten rund um die Uhr und hat dafür ihr altes Leben in Zürich aufgegeben.
Der plötzliche Wendepunkt: Vater erkrankt schwer
Bis September 2023 lebte Katharina in der Schweiz. Sie arbeitete erst in einer Bank, später bei einem Reiseunternehmen. Doch dann änderte sich alles schlagartig. Ihr 71-jähriger Vater, der bis dahin mit Erikas Pflege betraut war und mit ihr zusammenlebte, musste wegen einer schweren Herzerkrankung ins Krankenhaus. „Er hatte sich bisher um Oma gekümmert, mit ihr zusammengelebt. Das konnte er nun nicht mehr“, erzählt Katharina. Der Vater überlebte nur knapp.
Für die junge Frau stand die Entscheidung schnell fest: Sie kündigte ihren Job, löste ihre Wohnung in Zürich auf und zog zurück in ihre Heimatstadt Wiesbaden in Hessen. Zunächst brachte sie ihre Oma in einem Pflegeheim unter. Doch schon nach kurzer Zeit quälte sie der Gedanke: „Ich fühlte mich, als hätte ich sie zum Sterben abgegeben. Ich habe nur geweint.“ Bei regelmäßigen Besuchen bemerkte sie, wie ihre Oma zunehmend an Selbstständigkeit verlor. Nach nur drei Wochen holte Katharina Erika wieder nach Hause.
Pflege lernen über Nacht – zwischen Windeln und Bürokratie
Seitdem kümmert sich die 29-Jährige rund um die Uhr um ihre Großmutter. Damit ist sie eine von rund 7,1 Millionen Menschen in Deutschland, die einen Angehörigen pflegen. Die Umstellung war enorm: „Man wird über Nacht ins kalte Wasser geworfen. Windeln bei einem Erwachsenen zu wechseln, ist nicht ohne. Mit dem Geruch von alten Leuten zu leben, ist nicht einfach. Plötzlich wird jeder Stuhlgang zum Erfolgserlebnis.“
Die Pflege zerrt an ihren Kräften: „Ich stehe nachts mehrfach auf. Ich komme körperlich und seelisch an meine Grenzen und habe häufig Angst, dass ich ihr wehtue. Sie ist so gebrechlich.“ Hinzu kommen Anträge und Formulare, die sie ausfüllen muss. Bereut hat Katharina ihre Entscheidung jedoch nie: „Ich habe lieber schwierige Tage mit Oma, als im Büro zu sitzen und mir Sorgen zu machen. Vielleicht kann ich ein Vorbild für Menschen meiner Generation sein.“
Finanzielle Lage: Rente und Pflegegeld als Basis
Heute leben die beiden von Erikas Rente und 800 Euro Pflegegeld (Pflegegrad 4). Einen Pflegedienst bestellte Katharina wieder ab: „Wenn Oma um 6 Uhr mit voller Windel aufwacht, warte ich nicht, bis jemand drei Stunden später kommt. Dann mache ich das selbst.“ Nicht jeder versteht ihren Weg: „Viele sagen, ich müsse an mich denken und sollte Oma ins Heim geben. Aber da höre ich nicht drauf. Wenn irgendwann die Kräfte nicht mehr da sind, finde ich eine 24-Stunden-Pflegekraft, die bei uns einzieht.“
Kindheitserinnerungen geben Kraft
Die Verbindung zwischen den beiden war schon immer innig. Früher hielt Erika ihre Enkelin an der Hand, heute ist es umgekehrt. Als Kind verbrachte Katharina fast jedes Wochenende bei ihrer Oma. „Ich durfte dann Zitronenkuchen zum Frühstück essen und ihren Schmuck anprobieren. Sie hat ihre Schlagersendungen geschaut und ich bin zu der Musik durchs Wohnzimmer getanzt. Wir hatten richtig viel Spaß.“ Auch heute gibt es Momente, die beide lachen lassen: „Plötzlich fragt sie mich, ob ich einmal zum Briefkasten gehen könne. Vielleicht sei ja ein Liebesbrief für sie angekommen.“
Viele dieser Alltagsmomente teilt Katharina auf Instagram unter dem Account @omaerikaundich, dem mittlerweile 17.000 Follower folgen. Sie sieht darin eine Möglichkeit, die Realität der Pflege sichtbar zu machen und anderen Mut zu geben.
Zeit ist wertvoller als Geld
Was ihr die vergangenen Monate geschenkt haben, beschreibt Katharina so: „Ich habe gelernt, dass Zeit wertvoller als Geld ist. Die Zeit mit meiner Oma ist begrenzt. Und genau das macht sie unbezahlbar.“ Was sie machen will, wenn Erika irgendwann nicht mehr da ist, weiß Katharina noch nicht: „Auf jeden Fall geht es nicht zurück in mein altes Leben.“
Jede Woche sei Erika in einem anderen Zustand. „Mal ist sie super drauf und lacht, dann schläft sie nur und dann ist sie wütend“, erzählt Katharina. Trotz aller Strapazen bereut sie keinen Moment. Die tiefe Bindung und die Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit wiegen für sie schwerer als jede Karriere.



