Ab Juli sind die Türen der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn (Niedersachsen) fest verschlossen. Die Einrichtung ist die größte Spezialklinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche in Deutschland. Bis zu 60 junge Menschen konnten dort gleichzeitig behandelt werden. Der Träger, das Leinerstift, schließt die Klinik – aus Geldmangel.
520 Euro pro Tag: Zu viel für die Rentenversicherung?
Die Klinik fordert höhere Vergütungen von der Deutschen Rentenversicherung, die als Kostenträger fungiert. Pro Patient und Tag verlangt die Klinik 520 Euro. Die Rentenversicherung lehnt dies ab und argumentiert, die Kosten seien zu hoch. Ein Sprecher der Rentenversicherung erklärte: „Wir müssen die Beitragsgelder wirtschaftlich und sparsam einsetzen. Die geforderten 520 Euro pro Tag sind nicht gerechtfertigt.“ Die Klinik hingegen betont, dass die Behandlung suchtkranker Jugendlicher besonders aufwendig sei und die bisherigen Sätze die Kosten nicht decken.
Immer mehr suchtkranke Jugendliche, aber weniger Plätze
Die Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik ist Teil eines besorgniserregenden Trends. Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist die Zahl der stationären Behandlungen von Jugendlichen wegen Drogensucht in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Reha-Plätze. Nach Angaben des Leinerstifts gab es 2020 noch 180 spezialisierte Plätze für Minderjährige in Deutschland, heute sind es nur noch 120. Der Geschäftsführer des Leinerstifts, Dr. Markus Weber, sagte: „Wir haben die Schließung lange versucht zu vermeiden, aber ohne auskömmliche Finanzierung ist ein Weiterbetrieb unmöglich. Die Rentenversicherung lässt uns im Stich.“
Aussage gegen Aussage: Wer trägt die Verantwortung?
Die Rentenversicherung widerspricht der Darstellung der Klinik. Ein Sprecher erklärte: „Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik hat uns kein konkretes Finanzierungskonzept vorgelegt, das die höheren Kosten rechtfertigt. Wir sind offen für Verhandlungen, aber die Klinik hat sich nicht ausreichend bemüht.“Die Klinik hingegen verweist auf jahrelange Verhandlungen. Dr. Weber: „Wir haben mehrfach detaillierte Kalkulationen eingereicht. Die Rentenversicherung hat stets abgewimmelt.“
Folgen für betroffene Familien
Die Schließung trifft Familien in ganz Deutschland. Die nächste vergleichbare Einrichtung ist die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lüneburg, die aber nur 20 Plätze hat. Elterninitiativen warnen vor einer Unterversorgung. Eine Mutter aus Berlin, deren 16-jähriger Sohn in Ahlhorn behandelt wurde, sagte: „Die Klinik war unsere letzte Hoffnung. Jetzt wissen wir nicht, wohin wir gehen sollen. Die Wartezeiten für einen Platz sind ohnehin schon monatelang.“
Politischer Druck wächst
Die Schließung hat auch politische Wellen geschlagen. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, forderte die Rentenversicherung auf, eine Lösung zu finden: „Es kann nicht sein, dass suchtkranke Jugendliche die Leidtragenden eines Finanzierungsstreits sind. Die Rentenversicherung muss ihrer Verantwortung gerecht werden.“ Die CDU-Gesundheitsexpertin Tino Sorge kritisierte ebenfalls: „Die Bundesregierung muss endlich klare Vorgaben für die Finanzierung von Suchtbehandlungen machen.“
Ausblick: Was passiert mit den Patienten?
Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik wird ihre laufenden Behandlungen bis Juli abschließen. Für die 35 aktuellen Patienten sucht das Leinerstift nach Alternativen. Dr. Weber: „Wir helfen jedem einzelnen, einen Platz in einer anderen Einrichtung zu finden. Aber das wird nicht für alle möglich sein.“ Die Rentenversicherung kündigte an, die Versorgung sicherzustellen: „Wir arbeiten mit anderen Kliniken zusammen, um Engpässe zu vermeiden.“ Kritiker bezweifeln dies angesichts der sinkenden Platzzahlen.



