Y-Chromosom-Verlust bei Männern: Krebs- und Herzrisiko steigt dramatisch
Berlin. Mit zunehmendem Alter verlieren manche Männer das Y-Chromosom – mit überraschend drastischen Konsequenzen für die Betroffenen. Forscher verschiedener Studien haben dieses Phänomen untersucht und festgestellt, dass es mit einem erhöhten Risiko für Krebs, Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer in Verbindung steht. Zudem deuten evolutionsbiologische Untersuchungen darauf hin, dass das geschlechtsbestimmende Chromosom langfristig weiter an genetischer Substanz verlieren und eines Tages sogar ganz verschwinden könnte.
Verlust des Y-Chromosoms verstärkt Krankheiten
Das Y-Chromosom galt lange als eines der großen Rätsel der Genetik. Über Jahrzehnte nahmen Forscher an, dass es vor allem für die Geschlechtsbestimmung und die Spermienproduktion verantwortlich ist, darüber hinaus jedoch nur eine geringe biologische Bedeutung besitzt. Sein Verlust wurde daher überwiegend als Begleiterscheinung des Alterns betrachtet. Neuere Untersuchungen zeichnen jedoch ein anderes Bild: So weisen bereits rund 40 Prozent der 70-Jährigen einen Verlust des Y-Chromosoms in einem Teil ihrer Zellen auf. Bei 93-Jährigen steigt dieser Anteil auf etwa 57 Prozent, wie „Science Alert“ in einem Artikel berichtet. Von den insgesamt 46 Chromosomen des Menschen ist das Y-Chromosom das einzige, das eine Zelle verlieren kann, ohne unmittelbar abzusterben. Dennoch scheint dieser Verlust keineswegs folgenlos zu sein.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs im Fokus
Einen wichtigen Hinweis lieferte eine 2022 veröffentlichte Studie von Forschern der University of Virginia und der Universität Uppsala. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das Fehlen des Y-Chromosoms in bestimmten Immunzellen bei Mäusen zu Störungen der Herzfunktion führte und die Sterblichkeit erhöhte. Auch bei Krebs könnte das Y-Chromosom eine wichtige Rolle spielen. Untersuchungen des National Cancer Institute zeigen, dass es bei etwa 40 Prozent der Blasenkrebspatienten fehlt. Da Männer deutlich häufiger an dieser Krebsart erkranken als Frauen, vermuten Forscher einen Zusammenhang. Unterstützung erhält diese Annahme durch eine Studie von Mark Anthony Febbo von der University of Arizona aus dem Jahr 2025. Demnach bekämpfen Immunzellen ohne Y-Chromosom Krebszellen deutlich weniger wirksam.
Verschwindet das Y-Chromosom gänzlich aus unserer Spezies?
Erst die Forschung der vergangenen Jahre hat die Bedeutung des Y-Chromosoms für die männliche Gesundheit deutlicher sichtbar gemacht. Nach Ansicht der Evolutionsbiologin Jennifer Hughes spricht vieles dafür, dass das Y-Chromosom der Menschheit auch künftig erhalten bleibt. Sie argumentiert bei „Science Alert“, dass die verbliebenen Gene wichtige Funktionen im gesamten Organismus erfüllen und der evolutionäre Druck zu ihrem Erhalt daher sehr hoch ist. Dennoch schließen einige Wissenschaftler ein langfristiges Verschwinden des Y-Chromosoms nicht aus. Die Evolutionsbiologin Jenny Graves weist darauf hin, dass andere Gene seine Aufgaben übernehmen könnten. Hinweise darauf liefern bereits bestimmte Säugetierarten wie die Stachelratte und die Maulwurfwühlmaus. Bei ihnen existiert kein Y-Chromosom mehr, da ein anderes Chromosom die Geschlechtsbestimmung übernommen hat. Tatsächlich hat das menschliche Y-Chromosom im Verlauf seiner Entwicklung bereits einen Großteil seiner ursprünglichen genetischen Ausstattung verloren. Heute enthält es nur noch etwa drei Prozent der Gene, die einst auf ihm vorhanden waren. Ob dieser Prozess weitergeht oder das Y-Chromosom langfristig stabil bleibt, ist eine der spannenden offenen Fragen der Evolutionsbiologie.



