Alexander Zverev trägt einen Sensor am unteren Rücken, der seine Blutzuckerwerte während Tennis-Matches misst. Bei Bedarf spritzt er sich Insulin. Der 29-Jährige zeigt, dass Topleistungen mit Diabetes möglich sind – nach seinem ersten Grand-Slam-Titel bei den French Open greift er nun in Wimbledon an.
Was ist Diabetes?
Diabetes, auch Zuckerkrankheit genannt, ist eine Störung des Zuckerstoffwechsels. Unbehandelt kann sie schwere Folgeerkrankungen verursachen. Bei Zverev wurde bereits im Kindesalter Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Diese Autoimmunerkrankung ist nicht heilbar; der Körper produziert kaum oder kein Insulin mehr. Betroffene müssen Insulin von außen zuführen. Zverev hielt seine Erkrankung lange geheim und machte sie erst 2022 öffentlich.
Typ-1-Diabetes ist von Typ 2 zu unterscheiden, der durch Übergewicht, Bewegungsmangel oder Veranlagung entstehen kann.
Was müssen Zverev und Freizeitsportler beachten?
Zverev kontrolliert seine Werte engmaschig. Ein Sensor überträgt die Daten auf sein Handy oder ein Lesegerät. Akut gefährlich ist vor allem Unterzuckerung. Sportmediziner Jan Wüstenfeld vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig warnt: Unterzuckerung führe zu Leistungsverlust, Schwindel und könne bis zur Ohnmacht oder im Extremfall zum Tod führen.
„Bei der Unterzuckerung haben wir tatsächlich das Problem, dass derjenige nicht mehr leistungsfähig ist“, erklärt Jörg Breitenbach, Biochemiker und wissenschaftlicher Berater für Ernährung. „Das wichtigste Organ des Körpers, das letztlich alle Funktionen steuert, ist das Gehirn. Und die primäre Nahrung des Gehirns ist Glukose, das Gehirn braucht Zucker.“
Freizeitsportlern mit Diabetes rät Breitenbach, Trainingspartnern von der Erkrankung zu erzählen, damit diese im Notfall Bescheid wissen. Wichtig sei auch, schnell wirksame Zuckerreserven dabei zu haben. „Da unterscheidet man, ob ich eine kurze, hochintensive Belastung habe, wo ich schnell Zucker brauche, oder ich eine lang andauernde Belastung habe. Das heißt, ich brauche längerkettige Kohlenhydrate, die mich auch über mehrere Stunden 'füttern'“, so Breitenbach. „Beim Durchschnittssportler würde man sagen: Denk dran, dass du dir deinen Müsliriegel mitnimmst.“
Zwischenfall in Halle: Zverevs extreme Probleme
In „90 Prozent der Matches“ gelingt es Zverev, sein Zucker-Level in einem bestimmten Bereich zu halten, wie er einmal erklärte. In den restlichen zehn Prozent macht die Erkrankung einen Unterschied. „Dann ist man zu langsam oder die Reaktion ist nicht so da wie bei normalen Zuckerwerten“, sagte der Hamburger.
Extreme Probleme traten im westfälischen Halle während der Wimbledon-Vorbereitung auf. Zverevs Sensor zeigte einen zu hohen Zuckerwert an, woraufhin er zu viel Insulin spritzte – dabei litt er eigentlich an Unterzucker. „Wenn man in so einer Situation fälschlicherweise zu viel Insulin spritzt, beschleunigt man die Unterzuckerung noch“, erklärte Breitenbach, der früher mit Zverev zusammenarbeitete. Die Folge: In den ersten 45 Minuten des Halbfinals nahm Zverev nach eigenen Worten ein Glucose-Gel nach dem anderen und dadurch knapp 350 Gramm Zucker zu sich. Er habe sich „scheußlich gefühlt“. Es sei das erste Mal in zehn oder elf Jahren mit dem Sensor gewesen.
Wie schnell verändert sich der Zuckerwert beim Sport?
Die Veränderung ist schwer vorherzusagen und hängt von vielen Faktoren ab: Sportart (Ausdauer, Sprint oder wechselnde Intensitäten wie Tennis), Schlaf, Tageszeit, Wetter und Stress. Laut Breitenbach macht es einen Unterschied, ob es ein entscheidendes Match oder ein Vorrundenspiel ist.
Auswirkungen von Hitze
Hitze beeinflusst den Zuckerwert. „Beim Typ-1-Diabetiker verstärken die hohen Temperaturen die Aufnahme von gespritztem Insulin. Die Gefäße weiten sich, das Insulin wird schneller aufgenommen. Da ist die Gefahr, dass ein Typ-1-Diabetiker in der Sonne liegt und niemand merkt, dass er in ein Zuckerloch fällt“, so Breitenbach. Zudem verliere Insulin bei über 30 Grad und Sonneneinstrahlung seine Wirksamkeit. „Ich muss mein Insulin kühl aufbewahren. Ein Typ-1-Diabetiker sollte im Sommer im Schwimmbad die Pens in der Kühltasche lagern, jedoch ohne Kontakt zu Kühlmodulen, damit das Insulin nicht einfriert.“ Zverev selbst mag die Hitze, da sie seinem Spielstil entgegenkommt.
Sport mit Diabetes: Keine Einschränkung mehr
Als Kind rieten Ärzte Zverev vom Profisport ab – er bewies das Gegenteil. „Eigentlich gibt es heutzutage keine Einschränkung. Klar muss man vorsichtig sein, aber von vornherein zu sagen, ich kann keinen Sport machen mit Typ-1-Diabetes, ist ein falscher Ansatz“, sagte Breitenbach. „Eine sportmedizinische Beratung, Hilfegruppen und Erfahrung von Menschen mit Diabetes eröffnen viele Möglichkeiten.“ Erfolgreiche Athleten mit Diabetes sind unter anderem der Hockey-Weltmeister Timur Oruz (2023), Bundesliga-Fußballerin Sandra Starke (RB Leipzig) und Ex-Gewichtheber Matthias Steiner, Olympiasieger von 2008.



