Nach dem Tod eines 42-jährigen Einwanderers aus Marokko bei einem Polizeieinsatz in Bologna ist es bei Protesten zu schweren Krawallen gekommen. Mindestens elf Menschen wurden nach Angaben der Rettungsdienste verletzt, darunter sowohl Demonstranten als auch Polizisten. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas gegen die Menge ein.
Friedlicher Beginn, dann Eskalation
Der Bürgermeister von Bologna, Matteo Lepore, hatte zuvor zu einer friedlichen Kundgebung aufgerufen. Mehrere Tausend Menschen versammelten sich in der Innenstadt, um gegen den Tod des Mannes zu protestieren. Auf Plakaten waren Parolen wie „Wahrheit und Gerechtigkeit“ zu lesen. Sprecher der Familie forderten Aufklärung.
Im Anschluss an die Kundgebung marschierten Teilnehmer zum Präfekturgebäude, das von der Polizei abgeriegelt worden war. Augenzeugen berichten, dass Flaschen und Feuerwerkskörper in Richtung der Beamten geflogen seien. Nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wurden auch die Fenstergitter von gepanzerten Polizeifahrzeugen abgerissen. Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Tränengas.
Todesumstände und Videoaufnahmen
Der Marokkaner, der seit 30 Jahren in Italien lebte, war am Sonntag auf einer Straße in Bologna gestorben. Ein Video zeigt, wie er von zwei Polizisten auf den Boden gedrückt wird, während seine Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt sind. Mehrfach ruft er: „Hilfe! Genug, genug!“ Die Beamten ließen erst nach mehreren Minuten von ihm ab, als er sich bereits nicht mehr bewegte. Ein Notarzt stellte dann seinen Tod fest.
Der Fall hat in Italien große Empörung ausgelöst, da der Verdacht auf exzessive Polizeigewalt besteht. Die rechte Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sicherte „völlige Transparenz“ bei der Aufklärung zu. Die Ermittler erhoffen sich Aufschluss von der Obduktion der Leiche. Zudem wurde die Körperkamera eines der beteiligten Beamten der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch das von einem Nachbarn gedrehte Video befindet sich in deren Besitz.
Ermittlungen und Sicherheitsgesetz
Gegen die zwei Polizisten laufen Vorermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, ebenso wie gegen vier Sanitäter, die dem Video zufolge die Szene zunächst nur beobachtet hatten. Für die Beamten greift eine Regelung aus Italiens neuem Sicherheitsgesetz: Anders als gewöhnliche Verdächtige werden sie nicht direkt in ein Ermittlungsregister eingetragen, sondern in ein gesondertes Vorregister.
Dieses Vorregister wurde vor allem für Fälle geschaffen, in denen Polizisten oder andere Amtsträger bei der Ausübung ihres Dienstes Gewalt anwenden und auf den ersten Blick ein Rechtfertigungsgrund dafür vorzuliegen scheint. Erst wenn sich später zeigt, dass dieser Rechtfertigungsgrund doch nicht greift, wird ein reguläres Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Der Anwalt der Familie des Getöteten verurteilte die Krawalle. Die Angehörigen hätten um „Ruhe, Höflichkeit und Respekt gebeten“, erklärte er.



