Matthias Burba, Jahrgang 1954, ist einer der renommiertesten Mikroskopiker Europas und hat über 800 Sandproben von Stränden weltweit gesammelt und fotografiert. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt der ehemalige Leiter der Kriminaltechnik der Hamburger Polizei, wie ihm das Mikroskopieren von Sandkörnern bei der Analyse von Tatortspuren hilft.
Sand als Zeitzeuge: 140 Millionen Körner in einer Ausstellung
In seiner Berliner Ausstellung zeigt Burba 140 Millionen Sandkörner – eine Menge, die in wenige kleine Gefäße passt. Jedes Korn erzählt von Jahrtausenden alter Geschichte. „Ein Sandkorn, eigentlich der belangloseste Baustein der Welt, trägt Millionen Jahre Geschichte in sich“, sagt Burba. Unter dem Mikroskop offenbaren sich runde oder eckige Formen, je nach Transport durch Wind oder Wasser. So weist Sand von Helgoland Strukturen einer Explosion auf: Die Briten sprengten 1947 die Insel – die größte nichtnukleare Explosion in Deutschland. „Diese Energie überträgt sich auf die Sandkörner. Sie können in den Strukturen die Explosion sehen – in Form von lang ausgezogenen Druckmarken.“
Vom kranken Kind zum Forensiker
Burbas Leidenschaft fürs Mikroskopieren begann in der Kindheit: „Ich bin im Frankfurter Ostend aufgewachsen, in einem ehemals jüdischen Stadtteil, der noch lange von Zerstörung geprägt war. Jedes Mal, wenn ein Trümmerhaus abgeräumt wurde, kam zuerst ein Lastwagen mit Sand.“ Wegen Nieren- und Blasenproblemen war er oft krank; die Hausärztin untersuchte seinen Urin mit einem Mikroskop, das sie schließlich bei seinen Eltern ließ. „Irgendwann stellte sie fest, dass mit dem Mikroskop gespielt wird. Das war ich.“ Mit elf Jahren bekam Burba das Mikroskop und einen Mentor, einen über 90-Jährigen, der ihn in die Mikroskopie einwies. „Von ihm habe ich Sehen und Interpretieren gelernt.“
Mikroskopie als Schlüssel zur Kriminaltechnik
Burba studierte Jura und Biologie, war zunächst Jurist bei der Hamburger Polizei und wurde später Leiter der Kriminaltechnik. Seine Spezialkenntnisse im Mikroskopieren nutzte er täglich: „Ich war am Mikroskop deutlich überqualifiziert für diese Aufgabenstellung. Aber natürlich konnte ich genau sagen, was man sehen kann.“ Ein zentrales Element beider Disziplinen sei das Denken in Zusammenhängen: „In der Kriminaltechnik lassen sich durch Faserspuren Bewegungsabläufe am Tatort detailliert nachvollziehen.“ Die Mikroskopie schule eine unvoreingenommene, detailgenaue Wahrnehmung – unerlässlich, um mit verschiedenen Hypothesen zum Tathergang zu arbeiten.
Ein Teelöffel Sand genügt
Für seine Sandfotografie reist Burba an die Strände, übernachtet oft dort, um die Farben im Tagesverlauf wahrzunehmen. „Ein Teelöffel Sand reicht mir dann völlig aus.“ Vor Ort nutzt er ein Polarisationsmikroskop: „Kleinste Drehungen am Polarisationsfilter führen zu unterschiedlichen Strahlengängen und Interferenzen im Material. Jede Änderung der Polarisation offenbart neue Perspektiven auf die inneren Strukturen der Sandkörner.“ Ein Bild entsteht in zwei Minuten oder länger – wenn die farbige Struktur des Korns an seine visuelle Erinnerung der Landschaft erinnert. „Wenn sie sich berühren, wie ich es nenne, drücke ich auf den Auslöser.“
Ästhetik und Wissenschaft vereint
Für Burba gehören Alter, Herkunft und Ästhetik eines Sandkorns zusammen: „Die farbigen Strukturen, die ich unter dem Mikroskop sehe, sind das reale Ergebnis von 150 Millionen Jahren unterschiedlich langer und intensiver Transportvorgänge einzelner Sandkörner. Ich gleiche sie mit meiner Wahrnehmung der Landschaft ab. Die Idee ist, die Farbigkeit der Welt, die ich wahrnehme, mit derjenigen, die im Sandkorn gespeichert ist, zusammenzubringen.“



