Am 12. Juni 1991 wurde der Berliner Senatsmitarbeiter Hanno Klein durch eine Briefbombe getötet, die in einer präparierten VHS-Videokassette versteckt war. Der Fall, der bis heute als ungelöster Cold Case gilt, wird in der neuen Folge der True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ der Berliner Morgenpost beleuchtet. Klein, Referatsleiter des Berliner Bausenators, war in millionenschwere Grundstücksdeals verwickelt und galt als mächtiger Strippenzieher. Die Tat ereignete sich in seiner Altbauwohnung in der Pariser Straße 62 in Berlin-Wilmersdorf.
Der Tathergang: Eine heimtückische Bombe
Gegen 22 Uhr kehrte Klein von einer Vernissage in seine Wohnung zurück. Seine Lebensgefährtin Doris H. legte sich schlafen, während Klein die Post in sein Arbeitszimmer mitnahm. Als er einen wattierten Briefumschlag mit dem gefälschten Absender „Büchergilde Gutenberg“ öffnete, detonierte die darin verborgene Bombe. Der Sprengstoff war mit Metallsplittern versetzt, die wie Schrapnell wirkten. Ein Splitter drang durch Kleins Auge in sein Gehirn – er war sofort tot. Trotz der lauten Explosion wurde die Leiche erst am nächsten Morgen entdeckt.
Das Opfer: Ein mächtiger und umstrittener Mann
Hanno Klein, 48 Jahre alt, war ein ehrgeiziger und hochintelligenter Beamter, der nach der Wiedervereinigung eine Schlüsselrolle bei der Neuplanung Berlins spielte. Als „Investorenbeauftragter“ der Senatsbauverwaltung betreute er Bauwettbewerbe und bereitete Milliardenprojekte vor, darunter die Bebauung des Potsdamer Platzes durch Daimler-Benz und ein 1,8 Milliarden D-Mark schweres Projekt am Spreeufer mit der kanadischen Firma Horsham. Klein galt als autokratisch und machte sich Feinde, weil er ausländischen Investoren den Vorzug gab und die sogenannte „Westberliner Betonmafia“ ignorierte. „Er war ein Mann, der aneckte“, so ein ehemaliger Mitarbeiter.
Die Ermittlungen: Viele Spuren, keine Täter
Die Sonderkommission der Kriminalpolizei untersuchte alle Hinweise, doch die Spuren waren professionell verwischt. Auf dem Briefumschlag fanden sich keine Fingerabdrücke, die Briefmarken waren nicht mit Speichel befeuchtet, und der Poststempel vom Postamt 11 in der Möckernstraße in Kreuzberg war möglicherweise gefälscht. DNA-Analysen waren Anfang der 1990er noch nicht verbreitet; eine nachträgliche Untersuchung 2003 erbrachte kein Genmaterial. Der Staatsschutz durchsuchte Kleins Büro, nahm aber kaum Akten mit. „Die haben die vielen Akten mit staunenden Augen angeguckt, aber fast nichts mitgenommen“, berichtete eine Mitarbeiterin später.
Mögliche Hintergründe: Baubranche oder Linksterrorismus?
Fünf Tage nach der Tat ging bei der Deutschen Presse-Agentur ein Bekennerschreiben ein, das die Tat als „Aktion gegen die Umstrukturierung Berlins“ bezeichnete und mit „Für den Kommunismus“ unterzeichnet war. Doch Experten des Bundeskriminalamts zweifelten an der Echtheit: Briefbomben seien für die linke Szene untypisch, das Schreiben enthalte kein Täterwissen. Im „Interim“, einem Forum autonomer Gruppen, distanzierte man sich von der Tat. Ein Informant aus der Baubranche rief bei einer Zeitung an und sagte: „Auf ein Bekennerschreiben von Terroristen braucht ihr nicht zu warten, das war jemand aus der Branche.“
Weitere Theorien: Stasi und Baumafia
Ermittler erwogen auch eine Beteiligung ehemaliger Stasimitarbeiter, da Klein an der Verwertung von Grundstücken SED-naher Organisationen beteiligt war. Die Handschrift des Attentats ähnelte einem früheren Fall von 1982, bei dem eine Briefbombe mit Metallsplittern eingesetzt worden war. Zudem gab es in der Berliner Baubranche bereits 1985 einen Mordversuch an einem Immobilienmakler. Nach Kleins Tod wurden internationale Firmen, mit denen er kooperierte, durch heimische Baufirmen ausgebootet – ein starkes Motiv.
Der Fall bleibt ungelöst
Die Ermittlungen wurden am 29. März 1995 eingestellt, das Verfahren ist jedoch weiterhin anhängig. Alle drei Jahre prüft die Generalstaatsanwaltschaft, ob neue Ansätze vorliegen. „Derzeit gibt es keine Hinweise auf neue Ermittlungsansätze“, so Sprecher Sebastian Büchner. Der oder die Täter bleiben im Dunkeln. Die Berliner Morgenpost hat eine Gedenkseite eingerichtet, auf der Hinweisgeber sich melden können.



