Blutbad in Stade: Sechs Tote bei Amoklauf in Mutter-Kind-Heim
Stade – Ein 45-jähriger Mann hat am Montagmittag in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade sechs Menschen erschossen. Die Opfer sind vier Frauen und zwei Männer, darunter drei Mitarbeiter des Jugendamts Hannover und drei Angestellte der Einrichtung. Der Täter, Fatih G., flüchtete anschließend mit einer 65-jährigen Frau in einem getunten Mercedes-AMG, wurde aber nach 20 Minuten auf der B73 bei Haddorf von der Polizei gestellt. Die Ermittler gehen von einem familiären Hintergrund aus – konkret von einem Sorgerechtsstreit um die dreimonatige Tochter des Täters.
Ablauf der Tat: Schreie, dann Schüsse
Gegen 12:10 Uhr fiel der erste Schuss in der Dankersstraße in Stade. Anwohner Peter P. berichtete von Hilfeschreien und mehreren Schüssen, die sich wie aus einer Schnellschusswaffe anhörten. Vier Menschen waren sofort tot, ein fünftes Opfer starb trotz Reanimation am Boden, ein sechstes später im Krankenhaus. Die Tatwaffe, eine halbautomatische Beretta Modell 70, hatte Fatih G. vier Tage zuvor in Berlin am Kurfürstendamm für 4000 Euro in bar gekauft.
Vorgeschichte: Schütteltrauma und Sorgerechtsstreit
Die Bluttat hatte eine lange Vorgeschichte. Bereits im April war die Tochter von Fatih G. mit einer Hirnblutung in die Medizinische Hochschule Hannover eingeliefert worden. Die Ärzte vermuteten ein Schütteltrauma und erstatteten Anzeige gegen den Vater. Die Staatsanwaltschaft Hannover leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ein. Daraufhin nahm das Jugendamt das Mädchen aus der Familie und ordnete eine Unterbringung in einer Mutter-Kind-Einrichtung unter Aufsicht an. Der Vater durfte das Kind nicht besuchen. Beide Eltern legten Beschwerde ein; die Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle stand noch aus.
Die Flucht und Festnahme
Nach der Tat flüchtete Fatih G. mit der 65-jährigen Patentante des Kindes, die den Wagen steuerte. Die Polizei stellte die Flucht mit einem quer gestellten Traktor auf der B73. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen die Frau wegen des Verdachts der Beihilfe. Sie ist die Schwiegermutter des SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku, der die familiäre Verbindung öffentlich machte. Kurku selbst steht nicht im Fokus der Ermittlungen.
Die Opfer: Eine Jugendamtsmitarbeiterin hinterlässt zwei Kinder
Eines der Opfer war eine 32-jährige Mitarbeiterin des Jugendamts, die zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren hinterlässt. In einem Spendenaufruf wird sie als „außergewöhnliche Frau“ und „liebevolle Mutter“ beschrieben. Innerhalb weniger Tage kamen über 600.000 Euro von mehr als 23.000 Spendern zusammen. Die anderen fünf Opfer sind bislang nicht namentlich bekannt.
Die türkische Akte des Täters
Ermittlungen ergaben, dass Fatih G. in der Türkei seit Jahren gesucht wird. In Kahramanmaras läuft seit 2007 ein Verfahren wegen eines schweren Sexualdelikts, in Gaziantep seit 2022 ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs der eigenen Tochter. Zudem war G. 2021 in der Türkei in Untersuchungshaft, brach aus dem Gefängnis aus und tauchte in Deutschland unter. Die deutschen Behörden hatten nach eigenen Angaben keine Kenntnis von den türkischen Haftbefehlen. Die Stader Staatsanwältin Julia Pirk erklärte auf Anfrage: „Wir haben keine Erkenntnisse über Straftaten des 45-Jährigen in der Türkei.“ Der Austausch zwischen deutschen und türkischen Behörden gilt als schwierig.
Offene Fragen und Kritik an Behörden
Die Tat wirft viele Fragen auf: Warum wurde Fatih G., der als „schwierig und aggressiv im Umgang mit Behörden“ beschrieben wurde, in einem ungesicherten Raum empfangen? Warum wussten die deutschen Behörden nichts von den türkischen Haftbefehlen? Und wie konnte ein polizeibekannter Mann legal eine halbautomatische Pistole erwerben? Die Ermittlungen dauern an. Die dreimonatige Tochter des Täters ist in Obhut des Jugendamtes. Gegen die Mutter und die Patentante wird ebenfalls ermittelt – als Mordverdächtige, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte.



