Nach den tödlichen Schüssen auf vier Frauen und zwei Männer in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade haben Hunderte Menschen in der Marktkirche Hannover getrauert. Viele weinten, immer wieder wischten sie sich Tränen aus den Augen. Die Gewalttat habe das ganze Land schockiert, sagte Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) als einer von mehreren Rednern während der Andacht. Mit Gebeten, Texten und Musik sollte ein Zeichen der Verbundenheit gesetzt werden, auch für alle Beschäftigten der Jugendämter. Die Kirche war voll, viele Plätze reichten nicht aus. Unter den Trauernden waren Familienangehörige, Freunde und Bekannte der Getöteten sowie Arbeitskollegen.
Gedenkandacht auch in Stade
Einen ähnlichen Andrang hatte es tags zuvor in der St.-Wilhadi-Kirche in Stade gegeben. Auch dort kamen zahlreiche Menschen zusammen, um Trost und Halt zu finden. Die sechs Opfer wurden am Montag brutal aus dem Leben gerissen – darunter zwei Frauen und ein Mann aus dem Raum Hannover, die als Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover in der Stader Jugendhilfeeinrichtung waren. Getötet wurden zudem zwei Frauen und ein Mann, die als Beschäftigte der Stader Jugendhilfeeinrichtung vor Ort waren. Bei einem Termin sollte es um das Sorgerecht für ein Baby gehen. Der Vater des Kindes soll geschossen haben.
Ermittlungen der Mordkommission
Der tatverdächtige 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sechsfachen Mord vor. Demnach schoss der Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit während eines Gesprächstermins in der Einrichtung plötzlich mit einer mitgebrachten Schusswaffe auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fünf der Getöteten starben am Tatort, ein weiteres Opfer im Krankenhaus. Nach den Schüssen in der Stadt westlich von Hamburg floh der Mann in einem Auto, das eine 65-Jährige fuhr. Beamte schossen auf die Reifen des Wagens und nahmen die Insassen fest. Nach derzeitigen Erkenntnissen hat die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen. Die Polizei befragte sie, inzwischen ist sie aus dem Gewahrsam entlassen.
Tatverdächtiger bereits polizeilich bekannt
Eine Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Zeugen sollen sich melden, Fotos und Videos hochladen. Derweil werden immer mehr Informationen zu dem Tatverdächtigen bekannt. So führte die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann – wegen des Verdachts der Bedrohung. „Der Beschuldigte soll am 22. April im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter wegen eines Schütteltraumas gegenüber Ärzten der MHH aggressiv aufgetreten sein und ihnen verbal gedroht haben“, teilte ein Sprecher der Behörde zu einem Vorfall in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit. Verschiedenen Medien zufolge soll der Mann sein Kind zuvor durch Schütteln verletzt haben. Eine Bestätigung von offizieller Seite lag der dpa zunächst nicht vor.
Hintergrund: Sorgerechtsstreit um Baby
Mutter des Kindes ist eine 34-Jährige. Ein Amtsgericht hatte unter anderem angeordnet, dass Mutter und Tochter gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Zudem gab es eine Entscheidung, dass beiden Elternteilen die Gesundheitssorge entzogen bleibt. In dem Sorgerechtsstreit stand eine Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Celle aus. Beide Elternteile hätten Beschwerde gegen ein familiengerichtliches Eilverfahren vom Amtsgericht Neustadt am Rübenberge eingelegt, bestätigte eine Sprecherin des OLG. Nach der Tat wurde die 34-Jährige von der Polizei befragt. Nach der Schließung der betroffenen Mutter-Kind-Gruppe wurden sie und ihr Baby anderweitig untergebracht, wie das Sozialministerium mitteilte.
Sicherheitsvorkehrungen und Prävention
Nach der Gewalttat stellen sich viele Fragen – auch dazu, ob es die richtigen Sicherheitsvorkehrungen gab. Der 45 Jahre alte Verdächtige war polizeilich bekannt. Laut Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol galt er aber nicht als „absolut gewalttätig“. Dass ein sogenanntes Hilfeplangespräch wie in Stade in der Einrichtung und nicht auf einer Polizeiwache oder bei einem Gericht stattfindet, ist laut niedersächsischem Sozialministerium üblich. „Es gab vereinzelt Fälle in der Vergangenheit, wo auch die Polizei dazugeholt wurde von der Kommune, vom Jugendamt, wenn die Gefahrenlage so eingeschätzt wurde, dass das nötig ist“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Dies sei hier nicht der Fall gewesen. Wenn es beim Jugendamt Kenntnisse über Gefährdungen gebe, dann werde das natürlich berücksichtigt und es gebe Ratgeber dafür, hieß es. „Ob es darüber hinaus noch weitere Vorgaben geben muss über Sicherheitsvorkehrungen, darüber wird auf jeden Fall zu sprechen sein.“ In welcher Form und in welchem Ausmaß, ließe sich zu diesem Zeitpunkt aber nicht sagen.



