Seit Januar ist der Aufzug in einem neunstöckigen Mietshaus am Platz der Vereinten Nationen in Berlin-Friedrichshain defekt. Für die 83-jährige Anni W. (Name geändert) bedeutet das eine massive Einschränkung: Sie hat das Haus seit sieben Monaten nur fünf Mal verlassen können. Die Seniorin ist in ihrer Mobilität eingeschränkt und kann die neun Stockwerke zu Fuß nicht bewältigen.
Ein Leben wie in einer Gefängniszelle
Ihre Tochter Dörte Hoffmann berichtet: „Meine Mutter konnte sich bis jetzt immer alleine versorgen. Doch seit dem 22. Januar führt sie ein Leben wie in einer Gefängniszelle. Sie hat körperlich extrem abgebaut.“ Anni W. lebt allein und ist auf den Aufzug angewiesen, um Einkäufe zu erledigen oder Arztbesuche wahrzunehmen.
Die Wohnungsbaugesellschaft WBM hatte nach dem Ausfall zunächst eine Reparatur bis März angekündigt. Doch dann informierte ein neuer Aushang die Bewohner, dass die Wiederinbetriebnahme voraussichtlich erst im August 2026 erfolgen könne – insgesamt sieben Monate Wartezeit. Als Grund wurde ein irreparabler Schaden am Antrieb genannt. Statt einer Reparatur sei nun eine neue Aufzugsanlage erforderlich, deren Lieferzeit 18 Wochen betrage, gefolgt von drei Wochen Montage und der TÜV-Abnahme.
Nachbarhaus ebenfalls betroffen
Im benachbarten zehnstöckigen Haus fiel zeitgleich ebenfalls der Fahrstuhl aus. Auch dort müssen die Bewohner bis August die Treppen nutzen. Hoffmann kritisiert die WBM scharf: „Die WBM lässt alle Mieter damit alleine. Hier leben noch mehr alte Menschen, Schwangere. Für sie ist das Leben in diesem Haus unzumutbar geworden. Teilweise kommt die Hausreinigung nicht. Die Mülleimer werden vor die Wohnungstüren gestellt, in der Hoffnung, ein Nachbar nimmt sie mit.“
Auf Anfrage der B.Z. teilte WBM-Sprecher Matthias Borowski mit: „Im Fall der Aufzugausfälle am Platz der Vereinten Nationen wurde für hilfebedürftige Mieter ein Treppenservice organisiert.“ Doch Anni W. kennt dieses Angebot nicht. Sie sagt: „Ich wohne seit 50 Jahren hier. Natürlich war hier schon mal was im Haus kaputt. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“
Auswirkungen auf die Mieter
Die Situation belastet die Bewohner schwer. Neben Anni W. sind auch andere Mieter wie Fayad G. und Charles O. betroffen. Die fehlende Hausreinigung und die Müllprobleme verschärfen die Lage. Viele Mieter fühlen sich allein gelassen und fordern eine schnelle Lösung von der WBM.
Die WBM plant, die neue Aufzugsanlage im August 2026 in Betrieb zu nehmen. Bis dahin müssen die Mieter weiterhin die Treppen nutzen oder auf den Treppenservice hoffen, der jedoch nicht allen bekannt zu sein scheint.



