CSD-Anschlag: Überlebender von Breitscheidplatz fühlt alte Angst
CSD-Anschlag: Überlebender von Breitscheidplatz hat alte Angst

Fast zehn Jahre nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz erlebt Egbert Schmidt (64) erneut das Grauen. Der Überlebende des Lkw-Attentats vom 19. Dezember 2016 war am Samstagabend in der Nähe des Christopher Street Day-Festes in Berlin, als ein Fahrzeug in die Menschenmenge raste. „Ich fühle wieder dieselbe Angst wie 2016“, sagt Schmidt.

Der Albtraum wiederholt sich

Schmidt, ehemaliger Krankenpfleger, hielt sich bewusst im Tiergarten auf, abseits des Festtrubels. „Ich hatte mich extra dort aufgehalten, weil ich seit dem Breitscheidplatz Angst vor Menschenmengen habe. Kurz vorher war ich noch an der Stelle, in die er dann reinfuhr. Das ist so perfide.“ Der mutmaßliche Täter steuerte einen weißen Citroën-Kastenwagen, der nach der Tat gegen einen Baum prallte. Der Anschlag am CSD riss alte Wunden auf – 2016 starben zwölf Menschen, ein 13. Opfer erlag 2021 den Spätfolgen.

Ständige Begleiterin: die Angst

Seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt kann sich Schmidt nicht mehr unbeschwert unter Menschen begeben. „Ich war gestern am Rande vom CSD. Deshalb stand ich quasi im Grünen mit dem Rücken in Richtung Festmeile, damit nicht zu viele Menschen auf mich einwirken. Ich hatte zwar schon das Gelände verlassen, als es passierte, aber ich empfinde es im Nachhinein als hinterhältig, weil es mein Gefühl bestätigt, dass ich mich seit dem 19. Dezember 2016 auf nichts mehr verlassen kann.“ Die Angst sei plötzlich mit voller Wucht zurückgekehrt. „Ich kann nicht mehr unbedarft rausgehen. Ich arbeite daran, bin schon viele Jahre in Therapie, aber so etwas wirft mich wieder regelrecht um.“ Seine Gedanken sind bei den neuen Opfern: „Ich hoffe, dass das bisschen, was ich mir seit 2016 an Freiheit aufgebaut habe, nicht wieder wegbricht. Ich fühle mit denen, die jetzt das durchmachen müssen, was ich damals durchmachen musste.“

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Der 19. Dezember 2016: Sekunden, die alles veränderten

An jenem Abend wollte Schmidt eigentlich nur die Gedächtniskirche besuchen, „um einfach dort nur mal zu sitzen, ein Licht anzuzünden und im Vorweihnachtstrubel zur Ruhe zu kommen“. Doch dazu kam es nicht. „Ich stand vor einer Weihnachtsbude und schaute mir die Auslage an, dann hörte ich ein Geräusch, drehte mich nach rechts um, sah etwas auf mich zukommen. Ich quetschte mich dann zwischen zwei Buden, bin zu Fall gekommen, und kurz darauf kam der Lkw in der Nähe seitlich zum Stehen.“ Der Attentäter Anis Amri steuerte einen gestohlenen 32-Tonner auf den Weihnachtsmarkt und zog eine Schneise der Verwüstung.

Als Krankenpfleger half er sofort

Beim Sturz verlor Schmidt seine Brille. Blind kroch er unter den Anhänger des Lastwagens – genau dorthin, wo Tote und Schwerverletzte lagen. „Ich hörte Schreie, sah Blut und Panik.“ Als ausgebildeter Krankenpfleger versorgte er sofort Verletzte. Die Bilder dieses Abends verließen ihn nie wieder. Die körperlichen Wunden heilten, die seelischen nicht. Schmidt leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jahrelang kämpfte er mit Behörden und Krankenkassen um eine angemessene Traumatherapie. Erst Jahre nach dem Anschlag konnte er für mehrere Wochen stationär behandelt werden.

Ein langer Weg zurück – und ein Rückschlag

Jeder kleine Schritt in ein normales Leben war mühsam erkämpft. Laute Geräusche oder unübersichtliche Situationen lösen bis heute Angst aus. Umso härter trifft ihn das erneute Attentat. „Es bestätigt genau das, wogegen ich seit fast zehn Jahren ankämpfe: das Gefühl, dass das Leben sich von einer Sekunde auf die andere für immer verändern kann.“ Schmidt hofft, dass seine mühsam gewonnene Stabilität nicht zerstört wird. Doch er weiß: Die Wunde von 2016 ist nie verheilt.

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