Mehr als 1500 Hitzetote in Berlin seit 2018 – und der Hitzeschutz der Hauptstadt existiert nach Ansicht mehrerer Organisationen bislang nur auf dem Papier. Sowohl die Gewerkschaft der Polizei (GdP) als auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) übten in dieser Woche scharfe Kritik am Berliner Senat. Die Stadt und ihre Angestellten seien nicht ausreichend vor extremer Hitze geschützt, während für das Wochenende Temperaturen bis zu 41 Grad Celsius vorausgesagt sind.
Polizei und Umweltschützer: Hitzeschutz katastrophal
„Der Hitzeschutz auf den Dienststellen ist katastrophal“, sagte GdP-Sprecher Benjamin Jendro im Namen der Berliner Polizeibeamten. Viele müssten in Büros oder Polizeiwagen ohne Klimaanlagen oder Ventilatoren arbeiten. Sein Kollege vom BUND sekundierte: „Der Hitzeaktionsplan des Senats ist genauso ambitionslos wie die gesamte Klimapolitik der schwarz-roten Koalition.“
Der Senat hatte Ende 2025 einen umfassenden Hitzeaktionsplan verabschiedet, um die Hauptstadt besser auf extreme Temperaturen vorzubereiten. Zwischen 2018 und 2024 erlebte Berlin durchschnittlich 21 sogenannte Hitzetage pro Jahr, an denen die Temperatur auf über 30 Grad Celsius stieg. Laut Senatsverwaltung für Gesundheit gab es in diesem Zeitraum knapp 1500 Hitzetote.
72 Maßnahmen, aber kaum Fortschritte
Das 143 Seiten lange Papier enthält 72 Maßnahmen, von denen die meisten als „langfristig“ eingestuft sind. Dazu gehören bessere Information der Bevölkerung, Sensibilisierung für angemessenes Verhalten an Hitzetagen sowie die Klimaanpassung von Bestands- und Neubauten. Auch die Stärkung des Gesundheitswesens und die Umgestaltung der Infrastruktur durch Entsiegelung und Schaffung von Freiflächen mit Wasser und Bepflanzung sind vorgesehen.
Letzteres könnte das Aufheizen der Stadt tatsächlich wirksam bekämpfen. Viele andere Punkte betreffen jedoch nur den besseren Umgang mit der Hitze, etwa Verhaltenstipps. An der Umsetzung gibt es acht Monate nach Beschluss erhebliche Kritik.
Ärzte und Aktivisten: Fehlende Verbindlichkeit
Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug) und Mitglied des Aktionsbündnisses Hitzeschutz Berlin, beklagt die fehlende Konsequenz. „Pläne wie den Hitzeaktionsplan in die Praxis umzusetzen, ist bundesweit ein großes Problem“, sagt er. Anders als in Frankreich gebe es in Deutschland keine gesetzliche Verpflichtung zur Umsetzung, wodurch Geld und Personal fehlten. Zwar seien in Berlin gute Projekte initiiert worden, doch: „Es braucht aber bessere Rahmenbedingungen, um umfassenden Hitzeschutz sicherzustellen.“
Bürck-Gemassmer fordert eine klare Prioritätensetzung und warnt: „Das Risiko, dass uns etwas passiert wie in Paris 2003, ist durchaus gegeben.“ Die französische Hauptstadt hatte damals nach einer extremen Hitzeperiode knapp 10.000 Hitzetote zu beklagen, gilt aber heute als Vorbild in puncto Klimaanpassung. Binnen weniger Jahre wurden die Innenstadt radikal umgebaut, versiegelte Plätze begrünt und Autoverkehrsflächen umgewidmet.
Kühle-Orte-Karte und Trinkwasserbrunnen: Mängel offensichtlich
In Berlin hinkt die Umsetzung des Hitzeaktionsplans dem Tempo der Klimaveränderungen hinterher. Die Gesundheitsverwaltung erklärte zwar, viele Maßnahmen seien bereits initiiert oder umgesetzt worden, doch Beobachter sehen das anders. Die sogenannte Kühle-Orte-Karte, die hitzegeplagten Berlinern Anlaufstellen zur Abkühlung zeigen soll, ist auch im zweiten Jahr ihres Bestehens unvollständig. Im mit 68 Prozent seiner Fläche am stärksten versiegelten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg tauchen nur Trinkwasserbrunnen und öffentliche Toiletten auf. Orte wie Kirchen, Bibliotheken oder Planschen fehlen berlinweit komplett.
Der Ausbau der Trinkwasserbrunnen ist Teil des Hitzeaktionsplans, doch passiert ist kaum etwas. Die Zahl der Brunnen stieg von 248 im März 2025 auf 250, vier werden aktuell gebaut. 22 Brunnen sind aus verschiedenen Gründen abgeschaltet. Finanziert wird der Neubau aus bezirklichen oder anderen Töpfen, denn „im Etat des Landes ist aktuell dafür kein Geld eingeplant“, so ein Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Von den angekündigten Cooling-Points gibt es stadtweit bislang genau einen: am Mauerpark.
Klimaanpassungsgesetz: Kaum Fortschritte
Ähnlich schlecht steht es um das Klimaanpassungsgesetz, das im Herbst 2025 verabschiedet wurde und die Pflanzung von knapp 600.000 Bäumen bis 2040 vorsieht. „Passiert ist seitdem so gut wie gar nichts, es sind kaum Maßnahmen wahrnehmbar“, sagt Klimaaktivist Heinrich Strößenreuther, der den für das Gesetz verantwortlichen Baumentscheid angeschoben hatte. In Berlin werden weiterhin mehr Straßenbäume gefällt als gepflanzt. Zudem ist die für Ende Mai vorgesehene Einrichtung eines Kontrollbeirats, der die Umsetzung überwachen soll, bislang nicht erfolgt.
Das Projekt wurde einem einzelnen Mitarbeiter übertragen, der den Job zusätzlich zu seinen bestehenden Aufgaben erledigen muss. Eine eigene Planstelle zur Umsetzung des Klimaanpassungsgesetzes fehlt. „Die Berliner Verhältnisse sind derzeit so, dass das Gesetz nicht umgesetzt werden kann“, sagt ein Verwaltungsfachmann anonym.
Grüne: Senat unterschätzt Hitzegefahr
Benedikt Lux, Sprecher der Grünen-Fraktion für Umwelt und Naturschutz, fasst die Situation zusammen: „Die Hitze-Prävention des Berliner Senats steht jetzt vor dem Praxistest. Die größte Gefahr ist und bleibt die Unterschätzung der Hitze und die Fehleinschätzung von Menschen. Der Senat muss dabei helfen, dieses Risiko zu minimieren. Dabei sehe ich aktuell deutliche Defizite.“



