Ein seltener Gänsegeier hat in Niedersachsen erneut ein Storchennest angegriffen und alle Jungstörche getötet. Nach einer ersten Attacke am Sonntag in Klein Lobke folgte nun der zweite Vorfall am Mittwoch in Ummeln, einem Ortsteil von Algermissen im Landkreis Hildesheim. Vogelschutzexperten befürchten, dass der von Hunger getriebene Vogel weitere Nester angreifen könnte.
Hilflose Elternstörche müssen zusehen
„Die Elternstörche haben noch versucht, es zu verhindern, waren aber machtlos“, berichtet Anwohnerin Anke Bradtmöller. Der Gänsegeier attackierte das Nest auf einem alten Schornstein. „Die Störche sind immer wieder angeflogen und standen klappernd auf einem Hausdach direkt neben dem Nest. Sie mussten alles mitansehen.“ Besonders schlimm sei gewesen, dass der Geier einen Jungstorch fraß, während die anderen noch lebend daneben saßen. Die noch nicht flüggen Jungstörche hatten keine Fluchtchance.
Bereits zweite Attacke innerhalb weniger Tage
Bereits am Sonntag hatte der Gänsegeier im Nachbardorf Klein Lobke, nur 3,5 Kilometer entfernt, alle Jungstörche eines Nestes getötet. Nach dem ersten Angriff verweilte er zwei Tage auf dem Horst, beobachtet von Ornithologen und Naturfotografen, bevor er weiterzog. Experten rechnen mit weiteren Attacken. „Es kann sein, dass es nicht die letzte Attacke war“, sagt Martin Rümmler, Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Der Geier habe gelernt, dass Jungstörche „leichte Beute“ seien.
Gänsegeier eigentlich Aasfresser
Gänsegeier sind normalerweise Aasfresser und greifen selten lebende Tiere an. „Das ist die Ausnahme und keine Beobachtung, die man jedes Jahr macht“, erklärt Rümmler. Der derzeitige Geier sei vermutlich hungergetrieben. Der Nabu schätzt den Bestand in Deutschland auf 12 bis 20 Tiere, verteilt im ganzen Bundesgebiet. Die Vögel stammen ursprünglich aus Frankreich und Spanien, wo die Population wächst. Vor allem Jungtiere werden aus Revieren vertrieben und suchen dann in Deutschland nach Nahrung, wobei sie täglich 300 bis 400 Kilometer zurücklegen. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,60 Metern sind sie größer als Seeadler. Anhand des nackten Geierhalses sind sie auch für Laien erkennbar.
Keine nennenswerten Auswirkungen auf Storchenbestand
Am Donnerstagmorgen standen die Storcheneltern in Ummeln noch immer auf dem Hausdach. Der Geier hatte offenbar alle drei Jungstörche gefressen. Sobald er abfliegt, werden sie wie die Störche am ersten Tatort zurückkehren. Nach Nabu-Einschätzung haben die Angriffe keine nennenswerten Auswirkungen auf den deutschen Storchenbestand, der zuletzt über 14.000 Brutpaare zählte. Weitere Attacken seien nicht zu verhindern. „Das ist der Lauf der Natur“, so Rümmler.



