ICE-Zugchef erhebt schwere Vorwürfe nach tödlicher Attacke auf Zugbegleiter
ICE-Zugchef: Schwere Vorwürfe nach tödlicher Attacke

Zugbegleiter totgeprügelt: ICE-Zugchef erhebt schwere Vorwürfe

Die Trauer um den getöteten Bahnmitarbeiter Serkan C. ist groß und die Fassungslosigkeit in ganz Deutschland spürbar. Der 36-jährige Zugbegleiter starb am Montagabend nach einer brutalen Attacke in einem DB-Regionalexpress bei Kaiserslautern im Krankenhaus. Im exklusiven Gespräch mit unserer Redaktion findet René Bäselt, ICE-Zugchef und Mitglied der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), scharfe Worte für diesen tragischen Vorfall.

Gewerkschafter fordert politisches Umdenken

René Bäselt berichtet, er habe von der Tat während einer Sitzung des Arbeitskreises Sicherheit erfahren: „Es ist schockierend, was da passiert ist.“ Seit Jahren fordere die Gewerkschaft von der Politik konkrete Maßnahmen, um der sich stetig verschlechternden Sicherheitslage im Bahnverkehr zu begegnen – bisher allerdings mit minimalem Erfolg. „Wir verlangen beispielsweise schon lange, dass unsere Mitarbeiter immer zu zweit in Zügen unterwegs sind“, erklärt der erfahrene Zugchef. Verfehlte Rahmenbedingungen verhinderten jedoch die Umsetzung dieser grundlegenden Sicherheitsmaßnahme.

Bei Ausschreibungen werde bislang lediglich ein Zugbegleiter gefordert, was aus Sicht des Gewerkschafters völlig unzureichend sei. „Hier muss die Politik sich umorientieren und einen zweiten Angestellten verpflichtend machen“, fordert Bäselt mit Nachdruck. Die aktuelle Situation sei für das Bahnpersonal untragbar geworden.

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Alarmierende Entwicklung bei Gewaltvorfällen

Die statistische Entwicklung sei mehr als alarmierend, betont der ICE-Zugchef. „Im Jahr 2010 waren 670 Körperverletzungen registriert worden, im vergangenen Jahr waren es etwa 3.300. Das entspricht einer Steigerung von rund 500 Prozent.“ Hinzu kämen unzählige verbale Entgleisungen von Fahrgästen, die das Arbeitsklima zusätzlich vergiften würden.

Besonders nach der Corona-Pandemie habe die Gewaltbereitschaft noch einmal deutlich angezogen. Bäselt, der seit mittlerweile 38 Jahren für die Bahn tätig ist, vermutet psychologische Ursachen: „Während der Pandemie ist viel passiert mit den Menschen. Sie waren praktisch zu Hause eingesperrt, hatten Jobangst, Geldsorgen. Und mussten anschließend ihren Frust rauslassen.“ Zudem würden mittlerweile auch als eigentlich unproblematisch wahrgenommene Personen auffällig, teils wegen scheinbarer Kleinigkeiten wie einem nicht erreichbaren Anschlusszug oder einem verpassten Flug.

Persönliche Erfahrungen mit Gewalt

René Bäselt berichtet auch von eigenen traumatischen Erfahrungen. „Es war 2017. Wir haben einen jungen Mann ohne Fahrkarte oder Papiere aus der ICE-Toilette geholt. Zunächst blieb er ruhig. Als er dann aber in Hamm die Bundespolizei am Gleis sah, griff er mich an.“ Wirkliche Konsequenzen habe der Angreifer nie zu spüren bekommen, was für den Gewerkschafter ein weiteres Problem darstellt.

Besonders enttäuschend sei damals das Verhalten der anderen Fahrgäste gewesen. „Ein einziger Fahrgast hat mir in der Notsituation geholfen. Der Mann ist aufgesprungen und hat den Angreifer überwältigt. Alle anderen in dem gut gefüllten Abteil sind einfach sitzen geblieben. Da fehlt es dann auch an der nötigen Zivilcourage“, stellt er mit Bedauern fest.

Probleme bei der Sicherheitsausstattung

Der Gewerkschafter blickt mit Neid in die Schweiz, wo Übergriffe in Zügen automatisch an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden. In Deutschland sei die Polizei oft nur bei ICE-Fahrten schnell verfügbar, da sie an großen Bahnhöfen in der Regel Dienststellen unterhalte. In ländlichen Regionen werde es deutlich problematischer, erklärt Bäselt.

Bei der DB Sicherheit gebe es ähnliche Probleme wie beim Zugpersonal insgesamt. „Die Abteilung ist unterbesetzt. Angesichts der Arbeitsbedingungen und der schlechten Bezahlung sind wir allerdings froh, dass überhaupt jemand den Job machen will“, so die ernüchternde Einschätzung des Experten.

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Kritik an Bewaffnungsplänen und Sparmaßnahmen

Den jüngsten Vorstoß, Bahnangestellte mit Tasern auszustatten, sieht René Bäselt äußerst kritisch. „Wo soll das hinführen, wenn Zugpersonal demnächst bewaffnet seinen Dienst ausübt? Dann haben wir bald Zustände wie in den USA“, gibt er zu Bedenken. Aus seiner Sicht bestehen mehrere Gefahren: Es werde immer Personen geben, die mit einer derartigen Verantwortung nicht umgehen könnten, und zudem würden auf diese Weise alle Fahrgäste unter eine Art Generalverdacht gestellt.

Bewährt habe sich indes die freiwillige Ausstattung des Zugpersonals mit Bodycams, die momentan als Pilotprojekt im Nahverkehr von Hannover, Nürnberg und Stuttgart läuft. „Wenn die Leute die Kameras sehen, werden die Kollegen weniger angegangen“, schildert der Gewerkschafter die positiven Erfahrungen.

Doch auch am eigenen Arbeitgeber spart der 55-Jährige nicht mit deutlicher Kritik. „Die vielen Sparmaßnahmen im Betrieb haben sich negativ bemerkbar gemacht.“ So gebe es beispielsweise im langen ICE 4 mit zwölf Waggons neben dem Zugchef statt vormals drei jetzt nur noch zwei Zugbegleiter. Zudem fehle es an ausreichenden Rückzugsmöglichkeiten im Fall einer Attacke. „Wir haben nur ein Sicherheitsabteil, in das wir im Notfall ausweichen können. In Regionalzügen gibt es derartige Möglichkeiten gar nicht“, kritisiert Bäselt die mangelnde Infrastruktur.

Abschließend wundert sich der Gewerkschafter über grundlegende Versäumnisse: „Ich erinnere mich an eine Situation im Jahr 2021, als eine Kollegin die Forderung nach einem Mindestlohn für einige Sparten der Deutschen Bahn erhob. Unglaublich, dass so ein Vorstoß zu einem solch späten Zeitpunkt bei einem Unternehmen kommt, das seit seiner Gründung ein Staatsbetrieb ist.“ Die Sicherheit der Bahnmitarbeiter müsse endlich oberste Priorität erhalten, fordert René Bäselt mit Nachdruck.