Abkassieren statt Mieter stärken: 180 Parksünder-Jäger, 11 Wohnungsaufseher – Berlins größte Schieflage
Berlin-Mitte. Wohnen ist Wahlkampfthema. Doch der Personalschlüssel in Berlins Bezirksämtern zeigt, worauf sich Berlins Beamte wirklich konzentrieren. Vor allem in Mitte. Von Iris May, Bezirksreporterin Mitte 10.06.2026, 18:17 Uhr
Strenge Überwachung: Parken vor einer Feuerwehreinfahrt kann kostspielig werden: Hier wird ein Auto nahe dem Mendelssohn-Bartholdy-Park umgepflanzt. © BM | Iris May
In Berlin-Mitte herrscht eine krasse Schieflage bei der Personalverteilung: Während satte 180 Mitarbeiter im Bezirksamt damit beschäftigt sind, Parksünder zu jagen und Knöllchen zu verteilen, sind gerade einmal elf Wohnungsaufseher für die Kontrolle von Wohnverhältnissen zuständig. Diese Diskrepanz wirft Fragen auf, insbesondere in Zeiten, in denen bezahlbarer Wohnraum und Mieterrechte zu den zentralen Themen im Wahlkampf gehören.
Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Personalschlüssel der Bezirksämter. In Berlin-Mitte, dem dicht besiedelten und beliebten Bezirk, ist das Verhältnis besonders auffällig. Während die Parksünder-Jäger mit modernster Technik ausgestattet sind und täglich hunderte Verstöße ahnden, kommen die Wohnungsaufseher kaum hinterher, die zahlreichen Beschwerden über Mietwucher, Schimmel oder unzumutbare Wohnbedingungen zu bearbeiten.
Kritiker bemängeln, dass die Behörden viel zu viel Energie in die Verfolgung von Parkverstößen stecken, anstatt sich um die drängenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt zu kümmern. Die Mietervereinigung Berlin spricht von einer „verfehlten Prioritätensetzung“. Man könne nicht einerseits den Wohnungsmangel beklagen und andererseits die Kontrolleure für Wohnverhältnisse derart unterbesetzen.
Der Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), verteidigt die Personalverteilung. Man müsse die Verkehrssicherheit gewährleisten, und die Einnahmen aus den Parkbußen seien ein wichtiger Posten im Haushalt. Zudem sei die Wohnungsaufsicht in den letzten Jahren personell aufgestockt worden, wenn auch nicht im gleichen Maße wie die Parkraumüberwachung.
Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus fordert nun eine Umverteilung der Stellen. „Es kann nicht sein, dass wir mehr Personal für die Jagd nach Parksündern haben als für die Überwachung von Wohnverhältnissen“, sagt der wohnungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Man müsse die Mieter stärken, nicht das Abkassieren.
Bis zur nächsten Wahl bleibt abzuwarten, ob die Politik die Schieflage behebt. In Berlin-Mitte wird die Diskrepanz zwischen Parksünder-Jägern und Wohnungsaufsehern jedenfalls noch lange ein Thema bleiben.



